25.02.2022

Briefe



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ID: 9797
Geschrieben am: Sonntag 28.06.1868
 

Baden-Baden d. 28 Juni 1868.

Diesmal, liebster Joachim, komme ich um einen Tag zu spät, d. h. mit der Feder, mit den Ge-danken an Sie wohl nie. Wir hatten aber so traurige, fieberhaft aufgeregte Tage, daß ich nicht im Stande war zu schreiben. Obgleich meine Wünsche für Sie immer Dieselben sind, so möchte ich doch jedesmal zu Ihrem Geburtstag besonders schöne Worte finden können, sie Ihnen so recht warm aussprechen zu können. Sie feyern gewiß den heutigen Tag Tag wieder in Hannover, mit all Ihren lieben Kindern, die dann wohl dem Papa diesen Morgen Kränze gebracht haben! – Bei uns waren schwere Tage – erst heute Morgen wurden wir durch ein Thelegramm etwas beruhigter. Julie war sehr unwohl, und täglich bekamen wir von Divonne Depeschen, die aber natürlich immer unvollkommen waren, und wir [sic] in der peinlichsten Unruhe verbrachten. Frau Schlumberger schreibt so ungern, und noch haben wir keinen Brief, wissen also noch gar nicht, welches die Veranlassung war – noch einige Tage zuvor schrieb Julie, es gehe ihr bedeutend besser, und da, wie aus heiterm Himmel, bekamen wir so schlimme Nachricht.
Ich fühle mich in Folge all der Sorgen und Kummer ganz herunter; die Spannkraft, die die Thätigkeit im Winter meiner Seele giebt, weicht im Sommer, dies fühle ich mehr denn je dies Jahr. Es war aber auch gar so Vieles, was diesen ganzen Winter mich bewegte, dabei die Ausübung der Kunst, die doch der ganzen Geistesfrische bedarf – es war zu viel! – Ich reise nun am 1ten July nach Moritz mit Elise – Marie und Felix bleiben hier. Ich möchte doch dem Jungen gern einige Stunden geben lassen, und wollte Sie fragen, ob Sie sich auf Will’s Bogenführung besinnen? ist diese schulgerecht? gern hätte ich Ihren Schüler (wie heißt er?) in Carlsruhe gebeten, das geht nun aber wohl nicht wegen Will, den ich nicht kränken möchte. Der Junge macht mir doch Freude mit seinem Talente – Genie, freilich, hat er nicht! – Sollten Sie in den nächsten Wochen ’mal Zeit mir ein Lebenszeichen nach Moritz zu geben, so wäre dies <wie> mir wie ein warmer Sonnenstrahl in die Eisberge, aber, lieber Joachim, ich beanspruche es nicht, wünsche es mir nur! Jetzt noch viele liebe Grüße an Sie Alle auch von Marie. Alles Gute für Sie! – Bewahren Sie die alte Freundschaft
Ihrer
getreuen
Clara Sch.

Adresse für July: St. Moritz im Engadien Schweiz. im Curhaus.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
965f.

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 5422-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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