19.12.2019

Briefe



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ID: 10017 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 25.08.1870
 

Gestern Abend 8 Uhr fing die Beschießung Straßburgs an und dauerte die ganze Nacht, wir hörten es und da mußte man sich in’s Bett legen, während draußen wieder ein neues Blutbad begann. Jeder neue Sieg bringt bei der Freude so viel Schmerz auch, daß einem das Weinen näher steht als Jubeln. Aber wie herrlich benimmt sich der König von Preußen – welch schönes Gefühl, wenn man einen Fürsten um seiner menschlichen und männlichen Kraft halber verehren kann. Ein Mann von über 70 Jahren zeigt sich wie ein Held – wundervoll, und dabei spricht aus jedem seiner Worte der edle Mensch … Ich möchte ’mal in Berlin einen Blick in die Frauenvereinssäle thun können! Wie das Alles organisirt ist, das muß bewunderungswürdig sein, überhaupt muß man Respect haben wie in Preußen Alles bis in das Kleinste bedacht ist und Alles wie an der Schnur geht. Welche Männer stehen da an der Spitze; und welche einzelne Heldenthaten hört man! wie sind sie den Spicherer Berg herauf, ohne einen Schuß zu thun, während von oben immer herabgefeuert wurde. Und was haben sie in Straßburg gethan! den Fluß abgeleitet von den Festungsmauern, damit in die Gräben kein Wasser fließen konnte, dann sind Zweie, mit einem
Pulversack auf dem Rücken, auf dem Bauche an die Schleusen ge- krochen und haben diese glücklich hineingebracht; sie wurden bemerkt, aber man traf sie nicht, und diese sandten dann wohlgezielte Schüsse auf die Pulversäcke, die dann zerstörten was sie gewollt. Das nennt man Muth!
Das arme französische Volk in Paris, wie wird es immer betrogen , das jammert Einen ordentlich, welche Täuschung dann!
Ich finde gar kein Ende. Verbrennen Sie diesen chaotischen Brief liebste Elise …

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Leser, Rosalie (938)
  Empfangsort:
 



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