19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 10025 Brieftext


Geschrieben am: Montag 29.10.1888
 

Meine liebste Rosalie,
wie unzählige Male dachte ich in diesen Tagen daran Ihnen zu schreiben, aber es war nicht möglich. – Sie haben keinen Begriff, was Alles von Liebe und Herzlichkeit auf mich eingestürmt hat vom 20ten an. Vor allem nur seien Sie innigst umarmt für Ihren herrlichen Lorbeerkranz, der von den Kindern gleich an meine Büste gehangen wurde. Sie Liebe Beste, wären Sie doch nur hier gewesen, es war doch eine erhebende Zeit für mich, diese ganze vorige Woche! – Ueber die Feier in der Schule schickte ich Ihnen den Artikel, über das Concert am Freitag erhalten Sie auch nächster Tage einen sehr herzlichen Aufsatz. Bei der Feier in der Schule war überwältigend für mich, als einige meiner Schülerinnen (Eine hatte sehr hübsch gesprochen) ein Füllhorn hereinbrachten und in dem Moment der herrliche Marsch aus den Ruinen von Athen pp. begann. Sie wissen der Chor singt: „schmückt die Altäre“ etc. Das war von zauberhafter Wirkung. Das Concert am Freitag war ein wahrer Festabend für mich, nicht nur durch die Ehren, die mir widerfuhren, sondern vor allem durch die Herzlichkeit, die das ganze Publicum mich empfinden ließ. Als ich erschien stand Alles auf, Tusch gab’s auch und endloses Applaudiren und Rufen. Das Concert habe ich wohl kaum jemals so gespielt, fühlte mich den Tag (nach einer durchschlafenen Nacht[)] so frisch, als wäre ich ein junges Mädchen. Nach dem Concert traten 3 Damen auf das Podium und überreichten mir vom Vorstand des Museum einen gold’nen Lorbeerkranz. – Sie können denken wie ich überrascht war, hatte keine Ahnung davon, auch nicht die Kinder. Alles war im Künstlerzimmer geschmückt mit Bäumen, kurz so festlich wie nur möglich. Adressen von Leipzig, Köln, England, Berlin, Massen von Briefen, Depeschen (über 200) erhielt ich und Blumen, so etwas von Pracht habe ich nie gesehen. Wir mußten Corridor und Treppen damit besetzen, denn in den Stuben war kein Platz. Mehrere herrliche Bäumchen waren darunter, nur jammerte ich immer daß so Vieles, z. B. die Blumenkörbe, schon andern Tages verwelkt waren. Bis gestern Morgen kamen noch alle Tage Blumenkörbe, Lyras, Gedichte. Gott sei Dank, daß ich all die Aufregungen so gut überstanden habe. Ach meine liebe Rosalie, könnte ich Ihnen nur mein Herz ausschütten, Ihnen Alles zeigen, Alles lesen, die ehrenvollen Zuschriften auch vom Kölner Gürzenich eine sehr hübsche Adresse. Nie habe ich geahnt wie viel Liebe mir gespendet wird, und fühle ich mich oft ganz beschämt … Wir hatten ernstlich daran gedacht, fortzureisen, aber wenn man in der Oeffentlichkeit noch wirksam ist, so viele Schüler hat etc. da sieht es doch recht unfreundlich aus, entzieht man sich bei solcher Gelegenheit Allem. Scholz bat mich so flehentlich die Feier zu erlauben, das Museum wollte mir das Festconcert geben, es war kaum möglich „Nein“ zu sagen, und jetzt freue ich mich, daß ich diesem Gefühle gefolgt bin. Das Fest hat mir viele Menschen näher gebracht, und mich ihnen natürlich auch, und das ist doch erfreulich für mich, giebt mir ein Heimathsgefühl hier, wie ich es bis jetzt noch nicht so wohlthuend empfunden hatte …

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Leser, Rosalie (938)
  Empfangsort:
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.