19.12.2019

Briefe



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ID: 10041 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 17.08.1870
 

Baden-Baden d. 17 Aug 1870.

Lichtenthal 14.

Lieber, hochverehrter Herr,

in einer Angelegenheit, die mir am Herzen liegt – Marie erwähnte neulich dessen in ihrem Schreiben an Ihre liebe Marie beiläufig – wende ich mich heute an Sie, und zwar nur eine Sache zu berichtigen, in welcher man versucht hat mich in ein falsches Licht zu setzen, und zwar gerade in Wien und bei dem Commité der Gesellschaft der Musikfreunde. Ich |2| weiß, Sie sind nicht mehr dabei, aber jedenfalls haben Sie noch Verbindungen mit dem Einen oder Anderen der Herren! – Ich wurde nämlich aufgefordert bei dem Beethoven-Fest im October mitzuwirken, und zwar, wie Herbeck mir schrieb, im Namen des Commité. Ich antwortete Diesem (Herbeck) daß ich mit herzlicher Freude die Einladung erhalten, und meine definitive Bestimmung geben würde, sobald er mir gefälligst mitgetheilt haben würde, wer das Fest dirigiren wird. Hierauf erhielt ich bis jetzt, ohngefähr verflossenen 2 Monate, keine |3| Antwort, wohl aber einen Aufsatz anonym von Wien gesandt (Presse) worin Schelle sagt, ich habe das Commité „keiner Antwort gewürdigt“. Ich schrieb sogleich den Thatbestand an Dr Schelle direct, und bat ihn dies zu berichtigen, denn einen derartigen Brief unbeantwortet zu lassen, hielte ich für eine Unbildung, derer ich mich nie schuldig gemacht, überhaupt Solches unter allen Umständen für eine große Unhöflichkeit halte. Nun habe ich nichts mehr gehört, weiß nicht, ob Dr Schelle meinen Wunsch erfüllt hat? höre auch von Herbeck nichts, und bin auf die Ver-|4|muthung gekommen, sollte Letzterer meinen Brief gar nicht erhalten haben? oder sollten hinter dieser Sache Intriguen stecken? bitte, lieber, hochverehrter Freund, helfen Sie die Sache klären, denn wahrlich, es wäre zu ungerecht geschähe dies nicht. Sie können ja denken, wie ich, in Wien gerade, bei dem Beethovenfest mit wahrer Begeisterung dabei wäre aber damals als ich schrieb war noch nicht bestimmt, ob nicht etwa Wagner dirigiren würde, und da hätte ich, nach meiner Gesinnung gegen dessen Kunstrichtung, zurücktreten müssen. – Es kommt mir vor allem darauf an, daß das Commité |5| erfahre, das [sic] und wie ich geantwortet habe. Wüste ich wer der Präsident Desselben, so hätte ich direct geschrieben, das wäre aber insofern nicht angenehm für mich, als das Commité an mich nicht wie z. B. an Joachim, selbst geschrieben hat. Nicht wahr, Sie sind mir nicht bös, daß ich Sie damit belästige, Sie kennen meine Anhänglichkeit an Wien – würde solch ein Benehmen Diese nicht sehr in Frage stellen? Der lieben Marie sage ich tausend Dank für ihren Brief, der uns so innig erfreute; sie <An> wird Mariens Antwort |6| (in meinem Namen mit) erhalten haben. Ob wir uns nun überhaupt sehen werden im Herbst, wie fraglich ist das geworden! welch eine ernste Zeit ist über uns hereingebrochen, und, wie wird Alles noch enden? Es wäre mir sehr erwünscht gäben Sie mir seinerzeit einige Worte Antwort, oder vielleicht thut Marie es für Sie!
Seyen Sie auf das verehrungsvollste gegrüßt, die liebe Marie umarme ich in treuer Freundschaft, und bitte mir Ihr Wohlwollen zu erhalten, daß [sic] mir so innig werth ist.
Ihre
wahrhaft ergeb
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
Empfänger: Dratschmiedt, Friedrich (14470)
Empfangsort: Wien
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
104ff
 



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