15.07.2019

Briefe



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ID: 10182 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 28.07.1872
 

Gersau d. 28 Juli 1872
Meine liebe Freundin,
Sie sehen, ich kann Ihnen keine andere Nachricht geben, als daß wir noch hier der Dinge da oben warten. Ich wollte nicht länger warten Ihnen ein Lebenszeichen zu geben – sobald wir oben, melde ich es Ihnen. Viel haben wir an Sie Alle gedacht, und wie Sie liebevoll Alle für uns waren. Ich konnte es Ihnen gar nicht so sagen wie ich es in jeder Stunde, die ich mit Ihnen war, empfand, daß Sie mir gut sind, und wie ich so gern Ihnen dies gezeigt hätte. Aber so geht es mir immer, wenn ich mit lieben Freunden zusammen war meine ich immer nachher, ich hätte ihnen durch Nichts meine Dankbarkeit gezeigt, und war mir doch stets so warm um’s Herz! – Wir hatten einen schönen Morgen am Giesiberg (wir gingen den Abend nach Brienz, da es schon so dunkel war – zum Glück, denn es kamen eine Menge Leute noch nach dem Feuerwerk nach Brienz Unterkommen zu suchen) wohin wir mit einer Gondel früh 7 Uhr fuhren, um 11 Uhr verließen wir dann in gutem Wagen mit recht ordentlichem Kutscher Brienz. Es war aber eine heiße Fahrt!!! In Luzern wehete uns eine wahre Rußluft entgegen, und nach einer entsetzlichen Nacht fuhren wir hierher, wieder in großer Hitze. Aber wie schön ist es hier! ich meine, es sey Gersau der schönste Ort am See, dabei ein höchst comfortables Hôtel! – Man kann es hier sehr gut aushalten, hätte man nur die Zeit! ich hatte aber heute, meine Ungeduld noch recht zu erhöhen, einen Brief von Julie, worin sie sagt, daß sie schon am 8 Aug. abreisen wolle. Nun denken Sie mich da oben und meine Julie zu Hause meiner wartend! – Marie will nun in ihrer großen Sorge, daß doch ja Alles zu Hause in Ordnung, wenn ich zurückkehre, nicht hier bleiben, sondern, sobald wir oben Platz bekommen, zurück nach Baden. Wie schrecklich mir das ist, kann ich Ihnen gar nicht sagen, aber ich sehe wohl ein, daß es für sie selbst besser, wenn sie erst in Ruhe noch Alles fertigmacht, das neue Mädchen etwas einrichtet ect. Ich möchte am liebsten auch mit, doch die Kinder wollen dies durchaus nicht zugeben, und ich habe nicht recht Muth entschieden zu handeln weil ich fürchte, ich mache mir später selbst den Vorwurf der Unduldsamkeit, die es ja doch im Grunde gewesen ist. – Wir wollen soeben nach der Tellsplatte fahren, daher ich, um noch vorher dies zu befördern, schließe.
Dank, tausend Dank, meine lieben Freunde! Grüße Allen, auch Agathchen. Hör ich ’mal, wie es Ihnen ergangen? es kommt mir schon so lange vor, daß ich Ihnen Lebewohl sagte! ich hoffe noch sehr auf mündliche Nachrichten durch Ihren theuren Mann!
Getreuest Ihre
Clara Schumann.

Meine Kinder wollten mit schreiben, ich möchte aber mit diesem nicht auf sie warten sende daher heute nur deren dankbarste Grüße. Bitte auch Hrn. Ober zu danken für die uns so nützlich gewordene Carte!

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Gersau
  Empfänger: Lazarus, Sarah (918)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 233ff.
 



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