15.07.2019

Briefe



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ID: 10185 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 22.11.1872
 

Wien d. 22 Nov. 1872.
Giselastrasse Nro 4 bei Hrn. Ebner.
Liebe Freundin,
ich möchte Ihnen doch selbst, wenn Sie es auch schon durch die Zeitung erfahren haben, mittheilen, daß uns der große Schmerz wurde unsere heißgeliebte Julie zu verlieren. Sie ging mit Mann und Kind zum Besuch von uns aus zu ihrer wahrhaft mütterlichen Freundin Frau Schlumberger nach Paris – Diese wollte sie dann nach dem Süden begleiten , nach Mentone, wo sie ihre Entbindung abwarten sollte, da sie ihres sehr beängstigenden Hustens halber nicht nach Turin zurück durfte. Ach, es kam anders! sie wurde von einem Mädchen entbunden, welches, nur 7 Monate alt, nur eine Stunde athmete. Julie bekam einen Blutsturz und eine so völlige Entkräftung, daß sie nach 10 Tagen (am 10 Nov.) sanft in den Armen ihres trostlosen Mannes entschlief. Ich kann über unseren Schmerz nichts sagen, als daß er unendlich groß ist! sie war uns Allen unbeschreiblich viel, mir die zärtlichste Tochter, ihren Geschwistern die liebevollste Schwester, welch eine Mutter für ihre zwei kleinen Knaben, und ihrem Manne das höchste Glück! ach, warum so grausames Geschick! Wir wagen aber kaum für uns zu klagen, denken wir an den unglücklichen Mann! nur, wer all die inneren Verhältnisse kennt, weiß, was er in ihr verlor! – Wüßte ich doch einen Trost für ihn, aber, ich finde Keinen. – Der Schlag traf mich im Anbeginn meiner künstlerischen öffentlichen Tätigkeit das war schwer, aber sie, die herrliche Kunst, gab mir Kraft. Es gelang mir mich aufzuraffen, und ich empfinde Erquickung durch sie für das arme gebeugte Herz. Dann aber auch meine andren lieben, theueren Kinder, ermuthigten mich, und im Hinblick auf sie empfinde ich darüber, daß mir noch Vieles blieb, wofür ich dem Himmel inbrünstig danke.
Ich muß schließen – mein Ferdinand wird Sie besuchen – der liebe Junge konnte den Schmerz nicht allein tragen, und kam für 8 Tage zu uns hierher.
In steter Treue u Freundschaft Ihre
Clara Schumann

Dem verehrten Gemahl das Innigste von mir. Marie und Eugenie empfehlen sich angelegentlichst.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Lazarus, Sarah (918)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 239f.
 



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