19.12.2019

Briefe



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ID: 10253 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 01.11.1872
 

Düsseldorf d. 1. Nov. 72.
Lieber Levi,
wie schwer liegt es mir seit lange auf der Seele, daß ich Ihnen noch immer nicht schrieb, und dennoch gedachte ich Ihrer oft, und ganz beunruhigt, daß Sie noch nicht vollkommen hergestellt, eine neue Thätigkeit begannen. Es lag aber die ganze Zeit so Vieles auf mir, die geschäftliche Correspondenz war endlos, die Sorge um unsere Julie, die sehr krank war, groß, dazu das öffentlich spielen und kaum die nöthigste Zeit mich für den Winter vorzubereiten! ach, es kam so Vieles, auch viel Schmerzen in den Händen und Armen, so daß ich fast Alles dictiren muß! hier glaubte ich etwas Ruhe zu finden, da kommt uns vorgestern von Paris, wo Julie bei Frau Schlumberger ist, die Nachricht, daß sie ein Töchterchen bekommen, das aber, nur sieben Monat alt, nur eine Stunde lebte, und daß Juliens Husten fortdauernd währe, so daß sie die größte Besorgnis hätten; – noch athme ich kaum auf von diesem Schreiben, da kommt mir eine Schreckenspost anderer Art von Felix, worüber mündlich mehr – kurz man hat doch oft recht zu kämpfen, daß man nicht so dem Ernste des Lebens erliegt!
Vor allem möchte ich gern wissen, wie es Ihnen geht, ob die Anstrengungen ohne Nachtheil auf Ihren Gesundheitszustand waren? es wäre freundlich von Ihnen sagten Sie mir darüber ein Wort hierher. Ich bleibe hier bis zum 8 Nov., dann gebe ich mit Frau Joachim das vor’m Jahre beabsichtigte Concert – leider nun ohne die Ungarischen – am 11ten und wollte den 13ten nach München, dort am 14ten bei meiner Freundin bleiben, am 15ten nach Wien. Könnten Sie am 14ten eine schöne Oper geben, wie freute mich das!
Daß ich Ihnen mein Vorübergehen an Carlsruhe nicht meldete haben Sie gewiß richtig gedeutet.
Der Gedanke Sie, wenn auch kurz, aber doch bald zu sehen, ist mir ein Lieber. Grüßen Sie Allgeyer, den ich auch zu sehen hoffe, und glauben Sie an die stete warme Freundschaft Ihrer
Clara Schumann.

Hier grüßt Alles! Marie ist bei mir, Eugenie auf Gräfenbacher Hütte, geht aber mit n. Wien.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
614f.
 



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