19.12.2019

Briefe



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ID: 10318 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 26.06.1872
 

Baden d. 26ten Juni 1872.

Lieber Joachim,

wieder ’mal ist ein Jahr um, und wieder müssen Sie Ihren Geburtstag ohne Ihre Lieben feyern! wie leid thut mir das! ich hoffe aber Sie werden gute Nachrichten von Ihrer Frau haben, und Johannes, Hermännchen und Mariechen haben gewiß schon kleine Briefchen an den lieben Papa geschrieben. Meine treuen Wünsche für Sie und Alles was Ihnen theuer ist, kennen Sie. Wie traurig, daß wir uns gar nicht mehr sehen als im Concerttroubel! wie sehr hatte ich gehofft, Sie würden nach Kreuznach mit Ursi in die Schweiz in hohe Bergluft gehen, und wir hätten uns dann ’mal irgendwo getroffen, und wären länger zusammen gewesen! nun gehen Sie, wie Ihr Bruder mir sagte, nach Folkstone? wie weit fort, da ist an ein Begegnen nicht zu denken. Ein wenig hatten wir in Carlsruhe auch auf Sie gehofft, welch eine Ueberraschung wäre das gewesen. Es war ein schönes Concert, fast wie ein Musikfest, so belebt und animirt. An Johannes Triumpflied hätten Sie ’mal Freude gehabt! Ja, was „hätte“ und „würde“ nicht und „sollte“! Wie möchte ich auch Ihrer Aufführung haben beiwohnen können, und wäre es nur gewesen Ihre Freude dann zu sehen. Aber nicht weniger hätte ich mir auch den Genuß des Hörens gewünscht! – Ihrer lieben Frau schreibe ich auch, und bitte sie um Nachrichten – es ist mir so unheim-lich, wenn ich Monate lang nichts höre. Von uns kann ich Ihnen soweit Gutes sagen, als wir in der freudigen Hoffnung auf Juliens Besuch mit Mann und ältestem Kinde leben; sie kommen im August und bleiben bis Ende Septbr. Leider fühle ich mich viel unwohl, und komme wohl nicht um die Schweiz herum. Wüßte ich nur erst wohin? Rigi-Scheideck, Aeschy am Thuner See, Maderaner Thal oder Moritz stehen auf der Liste: Moritz wäre wohl am besten, fände ich nur eine liebe Bekannte dort, aber allein, ohne solchen täglichen Verkehr ist es zu <st> trostlos dort. Nun, in etwa 14 Tagen muß es wohl entschieden sein, denn Mitte Aug. will ich zurück sein. Wenn Sie mir in Ihrer Ferienzeit auch einmal ein directes Wort gönnten, wäre es sehr erfreulich für mich. Leben Sie wohl, lieber, theuerer Freund. Gedenken Sie zuweilen
Ihrer alten Clara Schumann.

An Rudorff schönsten Gruß und daß ich einen Steinway erwarte – Dank seiner Eltern.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1063ff
 



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