19.12.2019

Briefe



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ID: 10348 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 07.07.1872
 

Baden d. 7 Juli 1872.

Liebe, beste Frau Ursi,

Dank für Ihren lieben Brief, dem ich gleich eine Antwort folgen lasse, weil ich gern sie bewegen möchte Ihre Seebadcur mit hoher Bergluft zu vertauschen. Ich bin überzeugt, sie nützt Ihnen Dasselbe. Ich bin sehr froh, daß es Ihnen doch im Ganzen besser geht, und das Jod wird gewiß Ihre Entzündungen gänzlich beseitigen, aber nach den Bädern ist man sehr matt, und braucht starke Luft. Ist die Luft in Tyrol in Aachen so kräftig wie in Scheideck oder Moritz? das bezweifle ich, und leider muß ich mir ja die höchsten Bergregionen aussuchen für meine Kräfftigung! auch muß ich diese Woche schon fort, weil Julie d. 12 oder 13 Aug. kommen will, und natürlich ich dann zurück sein will. Ach, ich wollte, Sie brächten die lieben Kinder nach Baden, Sie haben doch gewiß eine sehr zuverlässige Person mit ihnen, und ließen sie hier während Sie nach der Schweiz kämen! doch das sind egoistische Wünsche, und ich würde es doch nicht verantworten mögen Sie zu bereden, obgleich ich glaube, daß nach Ihrer Kur Sie körperlich die Nachkur besser gebrauchen würden ohne die Sorge für die Kinder. Ich begreife jedoch auch wieder ganz Ihrer beiden Wunsch mit den lieben Kleinen zu sein. So gehe es Ihnen recht gut, und, bitte, sagen Sie mir ’mal ein paar Worte über Ihr Ergehen, und vor Allem, wo Sie sind? Ich gehe wohl Mittwoch nach Rigi-Scheideck, auf wie lange, weiß ich nicht, 14 Tage jedenfalls. Marie bleibt hier um das Haus zu führen, d. h. die Leute, die ich nicht gern wieder fortschicken möchte, was ich aber müßte, nähme ich sie auch mit. In Kreuznach war ich allerdings neulich eingeladen zu einem Männergesangfest, mußte aber abschreiben, weil ich sehr unwohl plötzlich wurde. Ich schrieb damals, daß ich gern im Laufe des Sommers ’mal käme, wenn sie die Absicht hätten mich zu engagiren, und das thäte ich auch, wenn es in der 2ten Hälfte des August wäre. Sollte Jemand Sie darum befragen, so können Sie dies ja sagen. Man macht in Kreuznach gewöhnlich recht gute Concerte weil eben die Leute da gar nichts haben.
Nun Adieu, liebe Freundin. Sie könnten mich eigentlich auch so nennen, bin ich auch so viel älter als Sie! die Freundschaft hat ja mit dem Alter nichts zu thuen, und ich denke, sie besteht ja auch eigentlich längst schon unter uns! –
Von Herzen
Ihre
getreue
Clara Schumann.

Sollten Sie Gräff’s sehen, so grüßen Sie sie, bitte, sehr von mir

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Joachim, Amalie (771)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1071f.
 



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