15.07.2019

Briefe



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ID: 10373 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 26.09.1872
 

Baden d. 26 Septbr 1872.

Meine liebe Emma,

wie lange brannte es mir auf der Seele Dir zu schreiben, aber es wollte sich die Zeit nicht finden, ich war immer und immer durch Tausenderlei so in Anspruch genommen. So konnte ich Dir denn auch nicht ’mal das Gläschen senden, das<> ich Dir versprochen hatte von England mitzubringen. Es folgt heute! ich müßte bei diesem Geschenk eigentlich wünschen, daß Du es nie brauchtest, leider hörte ich aber, Du seyest diesen Sommer viel unwohl gewesen, und da hättest Du es doch gebrauchen können! Du Arme, Liebe! ach es hat eben ein Jeder sein Theil, auch ich, meine theuere Emma, nur habe ich das große Glück in der Kunst den treuesten Beistand bei allem Leid zu finden, so daß ich Alles doch noch leichter trage, wie viele Andere! – Unser größter Kummer ist jetzt unsere Julie die mit Mann und Kind (dem Aeltesten von 2 Jahren) hier war, aber so elend ist (sie erwartet das dritte Kind im Dec.) so viel Schmerzen aussteht, dabei so schrecklich hustet, daß wir kaum wissen, wie sie fortbringen, und, sie muß fort in ein südliches Clima, wahrscheinlich nach Mentone. Dazu hat sie zu dem Kind keine zuverlässige Person, und all unsere Mühen eine Solche zu finden, die mit in’s Ausland geht, und nicht übermäßige Forderungen macht, waren fruchtlos. Dazu sind alle anderen Verhältnisse so wenig erfreulich! ihr Mann trägt sie aber auf Händen, und auch sie liebt ihn zärtlich. Ich sehe ihre Zukunft trübe, fürchte oft das Schlimmste. Morgen wollen sie nach Paris, dort bleibt sie den 7ten Monat ihrer Schwangerschaft bei Frau Schlumberger, und Diese geht dann mit ihr nach Mentone. Ihren kleinen Robert (13 Monat alt) sieht sie dann nicht wieder unter sieben Monaten, denn vor Mai kann sie nicht nach Turin zurück, da sie das Clima dort nicht verträgt – es ist zu kalt. Wie dauert mich der arme Mann der nicht ’mal die Mittel hat, Alles ihr Nöthige zu beschaffen, wenigstens auf die Länge es nicht durchführen könnte! – Der Winter mit seinen Anforderungen tritt <> jetzt auch wieder an mich heran, das Herz voll von Sorge, dazu die Concert-Correspondenzen und viele Vorbereitungen – recht schwer ist das Alles! Sage mir bald ein Wort von Dir, liebe gute Emma, auch wie es der lieben Louise geht und Deinem Gustav? Adressiere nur hierher.
In treuer Liebe wenn auch noch so flüchtiger Schrifft, die Du verzeihen willst, Deine
immer alte
Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Preußer, Emma (1204)
  Empfangsort:
  SBE: II.15, S. 300ff.
 



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