19.12.2019

Briefe



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ID: 10463 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 17.04.1873
 

London d. 17 April 1873.

Lieber, theuerer Joachim,

vor allem muß ich Ihnen sagen, daß wir Alle so herzlich froh sind, daß Sie Ihr liebes, liebes Mariechen ohne Pockennarben gefunden. Wir hatten so eine geheime Angst, daß doch etwas zurück geblieben sein könnte. Und in Ihrem Hause ist’s so schön! wie freut mich das, und daß Sie wieder, inmitten Ihrer Lieben sitzen – wie anders ist es zu Hause als irgendwo! – Haben Sie Dank, daß Sie mir gleich geschrieben. Ich dachte viel an die Sache mit Bonn, und freue mich, daß es nun beim Requiem bleibt, nur bin ich nicht einverstanden damit, daß am ersten Tage keine Note von Schumann gemacht werden soll. Nicht meinetwegen, aber der Leute halber, die viel darüber raisonniren werden, besonders weil sie doch zum Theil Johannes noch nicht von Herzen wohl wollen. Ich kann übrigens nicht einsehen, warum <s>Sie nicht die C dur Symphonie nach dem Requiem noch machen wollen? Dann wird auch das letzte Concert nicht so lang – Sie können dann am 3ten Tag alles doch lassen wie es ist 1ter Theil, Manfred, Concert, Nachtlied, 2ter Theil Faust (IIIter Theil). Ich finde sonst das Programm wunderschön! Der 1te Tag wird mit dem Requiem allein zu kurz, und finde ich, nach dem Requiem muß noch Etwas Lebendiges und frisches kommen, wie die Symphonie, was einen festlichen Schluß bildet. Ich glaube, Sie werden mir recht geben, wenn Sie es noch ’mal überlegen. Man genießt auch den 3ten Tag so viel besser, mit der Symphonie ist es zu viel, wenn es auch noch so schöne Sachen sind. Bitte, sagen Sie mir bald Ihre Meinung! ich glaube, daß es Johannes auch nicht lieb ist, wenn am 1ten Tage nur sein Requiem gemacht wird. Wer soll nun die Peri singen? die Voggenhuber!!! Sagen Sie doch Ihrer lieben Frau, daß ich mich nun so eingerichtet habe, daß ich am 4 Mai das Concert in Düsseldorf höre, und daß wir im Breidenbacher Hof wohnen werden (da Bendemanns nicht da sind)– vielleicht schließt sie sich uns gern an? ich freue mich sehr darauf. Wir verlassen London am 30ten April, bleiben d. 1 und 2ten Mai in Brüssel und kommen d. 3ten nach Düsseld. Das Unglück von Wasielewski hat mich wahrhaft erschüttert das ist ja ganz entsetzlich! ach, was kann doch der Mensch Fürchterliches erleben.
Alles Liebe und Gute Ihnen Beiden mit Ihren herzigen Kindern.
Ihre
alte
Clara Schumann.

Die Kinder grüßen schönstens.

P. S. Mir fällt, indem ich dies schließe ein, ob es nicht am Ende besser wäre, mein Concert am 3ten Tage bliebe ganz fort, und Sie machten dafür 2 Theile aus Faust? das wäre doch viel interressanter. Was meinen Sie dazu?
Burnand grüßen auch sehr.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: London
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1102ff
 



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