15.07.2019

Briefe



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ID: 10476 Brieftext


Geschrieben am: 22.05.1873
 

Baden d. 22 Mai 1873.
Lieber Freund,
endlich heute kann ich eine Mußestunde erlangen, ’mal ein wenig mit Ihnen zu plaudern! hoffentlich können wir es bald besser noch hier, worauf ich sehr hoffe und mich schon freue.
Haben Sie Dank für Ihre schnelle Antwort. Auf Dieselbe habe ich gleich an Bronsart, mit dem ich allerdings schon abgeschlossen hatte ohne Tantiemen, weil er nicht darauf eingehen wollte, geschrieben, und ihn gebeten, mir mein Versprechen zurück zu geben, worauf er so liebenswürdig war meinen Wunsch nicht nur gleich zu erfüllen, sondern mir den Vorschlag machte, wenn Tantiemen bei ihm eingeführt würden (oder wie die Geschichte ist – etwas verwickelt) mir Solche dann zu bewilligen mit Abzug des Honorars. Ich dachte, wenn Andere es so gethan, kann ich es ja auch, und habe ihm nun wieder zugesagt, aber mit der Bitte dann mit Ueberlieferung der Partitur bis 1ten Jan. 1874 zu warten. Nach Ihrer Aufführung im Herbst werde ich Sie dann bitten mir Ihre Aenderungen mit denen ich sehr übereinstimme mitzutheilen, oder die Partitur nach der Ihrigen copiren zu lassen. Die Sache mit Holstein kenne ich nicht – Sie könnten mir diese wohl mündlich am besten erklären, gerne befolge ich dann Ihren Rath, der jedenfalls immer der beste ist. Ich bin Ende Juni, (ich denke bis 8–10 Juli) hier, wo ich dann aber hingehe weiß ich noch nicht, wohl in die Berge, aber wegen meinem Rheumatismus nicht zu hoch. Vielleicht bleibe ich auch nur in der Nähe. Rippoldsau, welches mir Frau Feidel so sehr rühmt. Leider ist es so kalt noch, daß wir vom Frühjahr wenig oder Nichts genießen, und doch, wenn ich mir denke, ich soll in Zukunft nicht ’mal mehr das Frühlingsgrün sehen, wie jetzt, was doch immer Labsal dem Auge ist, da ist mir, als müsse mir das Herz brechen. Ich hänge doch mit allen Herzensfasern an Baden, und trotzdem, daß der letzte Herbst ein so schmerzlicher war – oder, vielleicht gerade deshalb! ich habe so oft empfunden, daß, wo man Liebes Leid erfahren ein Stück Herz mehr noch daran hängt. Ach, lieber Levi, ich mag Ihnen wohl recht ruhig erschienen sein, als Sie mich vorigen Winter sahen, aber wenn ich an unsere Julie denke, und wie viel ist das der Fall, da empfinde ich ein ganz unaussprechliches Leid, dem ich mich gewaltsam entziehe, weil es droht mir den Lebensmuth zu nehmen, und weil ich fürchte ein Unrecht zu thuen, gebe ich mich solchem Leide hin, wo doch ein gütiges Geschick mir immer noch so Vieles ließ! – Für Felix habe ich große Sorge jetzt, er hustet stark und ist abgemagert.
Dr Oppenheim sagt aber, es sey kein Bedenken wenn er ’mal einen Monat regelmäßig lebt und gut genährt wird. Das geschieht nun hier bei uns, und er befindet sich schon viel besser – Sorge macht er mir aber doch! – Eine Freude wurde mir gestern, es gelang mir durch einen entschiedenen Brief an Plaut dem Ferdinand einen Gehalt von 2000 Thalern zu erwirken. Ich hatte dieses Fixum als Bedingung zu meiner Einwilligung zu seiner Verheirathung gesetzt, und er war ganz entmuthigt; das könne er in Jahren bei Plaut nicht erreichen ect. ect. Nun können sie heirathen im Herbst und sind ganz beseligt. Ferd. ist zwar noch sehr jung (25 Jahr) aber eine Natur, der eine glückliche Häuslichkeit vor allem zuträglich ist. Beide lieben sich innig, das Mädchen ist tüchtig, einfach (heutzutage ein doppelter Schatz); eine lange Brautschaft (an ein-und demselben Orte Beide) ist auch nicht gut. Ferd. hat überdieß ein Streben nach Erweiterung seiner Kenntnisse im Auslande mir gezeigt, zwingen läßt es sich nicht, kurz, ich füge mich ohne Sorge, er ist ja ein tüchtiger, gewissenhafter Arbeiter, und wird damit gewiß gut durch die Welt kommen. Seine Braut besucht uns in 3 Wochen – wir möchten sie doch kennen lernen. Mit Schrecken sehe ich, daß ich schon am zweiten Bogen bin, und Ihnen noch nicht ’mal gesagt habe, wie ich mich freue, daß es Ihnen in München so gut geht. Sie glauben nicht, wie wohl einem viel geprüften Herzen so frohe Kunde thut. Ich athme förmlich freier, wenn ich vom Glücke Anderer höre, und nun gar trifft es einen lieben Freund. Aber Eines, denken Sie wirklich allen Ernstes an eine zu gründende Häuslichkeit. Ich bin überzeugt, Ihre Freundin macht sich mit dem Gedanken nach und nach vertraut. Jetzt, wo Sie nicht mehr an einem Orte leben, ist das doch etwas leichter für Sie Beide. Was bringt es ihr für eine Genugthuung, wenn Sie nicht heirathen, wenn Sie ihr opfern, was denn doch das höchste Glück auf dieser Welt ist? ihre Liebe zu Ihnen müßte keine Edle sein, könnte sie Solches ernsthaft wünschen. Sie sagten mir einmal, da sey ein Mädchen in Mannheim, die Sie wohl lieben könnten. Haben Sie das schon annähernd empfunden, dann ist Ihr Herz auch solcher Liebe noch fähig. Ihr Gefühl für die Freundin ist ja doch längst schon ein rein freundschaftliches, und wird nicht beeinträchtigt. Das Verhältniß, wie Sie es noch ansehen, beruht viel auf Illusionen, und es möchte Ihnen später ’mal schwer auf die Seele fallen, wenn Sie allein stehen, wofür Ihre Natur mir gar nicht gemacht scheint. Zürnen Sie mir nicht, daß ich so offen spreche – Sie wissen ja wie warm es mir vom Herzen kömmt. Werden Sie denn dem Bonner Fest beiwohnen? ich höre, Ihre Ferien dauern nur bis August? Ich glaube, es wird ein schönes Fest! – Ich habe schon gekämpft gegen das Gefühl der Gattin, an solch ’nem Feste mich zu betheiligen, aber die Künstlerpflicht siegte! sollte ich, die ich mein ganzes Leben fest zu der besten Vertreterin seiner Musik gehörte, bei dieser Gelegenheit, zu seinen Ehren, fehlen? einem Anderen überlassen, was so ganz mit meinem Seyn verwachsen ist, mir vor Allen zukömmt? Ich denke Sie sehen es auch so an, nicht wahr? Gestern habe ich den Tell ’mal wieder gehört! ich habe diese reizende, frische, blühende Musik mit großem Genusse gehört, nur wieder viel Betrübniß empfunden, wie unsere Theatersänger nur noch Puppen sind, die gewisse Phrasen womit sie Effekt machen, herausschreien, im Uebrigen nichts von ihrem Innern mitbringen, auch nichts haben. Hauser war der einzige Künstler, alle Anderen erbärmlich, Stolzenberg eine wahre Caricatur. Und wie war das Orchester! kein Piano, keine irgend feine Accentuation, leider von Anfang bis Ende oft ganz auseinander – Kalliwoda wie ein Automat am Pulte! ach, ich sagte zu Rosenhain, wir Alten müssen fort, die jetzigen Bestrebungen verstehen wir nicht mehr.
Ueber die Genoveva möchte ich noch mündlich mit Ihnen sprechen, über so Manches Andere auch sonst noch! ich hoffe, Sie kommen doch nicht nur auf einige Stunden?
Grüßen Sie Herrn Allgeyer herzlich! erzählen Sie ihm doch, daß ich die Schränke noch nicht habe und auch nicht bekomme, da Haßlinger sagt, er könne sie nicht mehr zu dem abgesprochenen Preise machen.
Meine Freundinnen grüßen Sie doch auch sehr. Mit Fr. v. P haben Sie Recht – es geht mir eben so.
Die Kinder grüßen schönstens – sie freuen sich mit mir auf Ihr Kommen.
So denn herzliches Lebewohl, lieber Levi.
Alles Gute für Sie
von Ihrer
getreu ergeb.
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Baden-Baden
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 626-629
 

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