15.07.2019

Briefe



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ID: 10478 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 25.05.1873
 

Baden d. 25 Mai 1873.

Mein lieber Freund,
es verlangt mich so sehr, ’mal wieder von Ihrem Ergehen zu hören! ich hätte schon früher geschrieben, aber eigentlich darf ich gar nicht schreiben, da es mich bei den unaufhörlichen Schmerzen in Schultern und Armen so sehr anstrengt, und hatte immer zu spielen, wo ich gar vorsichtig sein muß, meine Hände nicht mit Sonstigem zu ermüden. Nun, seit 14 Tagen wieder hier, setze ich mich nach und nach wieder in Verbindung mit meinen Freunden, das ist dann <> zu meiner Erquickung, denn, nach meinen Kindern, sind mir die <>warmen Freunde der größte Schatz, den ich um Nichts verlieren möchte! – Und Sie, der Treuesten Einer mir – wie oft denke ich daran, und wie betrübt bin ich dann Sie so leidend immer zu wissen. Welch schwere Prüfung ertragen Sie, und wie tragen Sie sie. Welch ein Segen ist es aber doch andererseits, daß Sie alle Ihre Kinder so um sich haben! wie sehr leid thut es mir noch immer daß ich die liebe Ottilie das letzte Mal nicht gesehen! Sie haben vielleicht gehört, daß wir im Herbst nach Berlin ziehen; ich habe mich dazu furchtbar schwer entschlossen, thue es aber der Kinder wegen, namentlich auch Felix halber, der noch nicht so allein ohne Anhalt an die Familie leben kann. Mein Häuschen hier habe ich noch nicht aufgegeben, werde es aber doch wohl thuen, freilich mit traurigem Herzen. Ich will dann im Sommer immer auf 3–4 Monate irgend wohin in schöne Natur gehen, im Winter von Berlin aus kleine Reisen nur machen, Febr. März und April nach London gehen, so lange ich es noch kann. Sehr hatten wir auch um meines Ferdinands halber Berlin als Wohnsitz in’s Auge gefaßt – er wünschte es so sehr, um ’mal ein Familienleben zu genießen; kaum hatte ich mich entschlossen, verlobt er sich mit einem netten, tüchtigen Mädchen, die aber gar nichts hat. Er ist noch sehr jung (25 Jahr sie 19 Jahr) aber ganz angelegt für ein häusliches <> Leben; ein tüchtiger Arbeiter und zuverlässig im Geschäfft, aber ohne Streben sich in der Welt, in anderen Geschäfften umzusehen, was ich eigentlich sehr gewünscht hatte. Ich hatte nun zur Bedingung meiner Einwilligung zur Verheirathung ein Fixum von 2000 rh gestellt (jetzt nicht mehr als vor Jahren 4000 rh) was ihn ganz entmuthigt hatte; ich nahm die Sache in die Hand, schrieb an Hrn. Plaut entschieden, und Dieser gab gleich das Versprechen von seiner Verheirathung ab ihm 2000 rh zu geben, nur dürfe es Keiner der Anderen im Geschäffte erfahren. Sie sehen aber daraus, welche Stücke er auf Ferd. hält. Die beiden sind nun ganz beseligt und wollen schon im Septbr. heirathen. Wir erwarten seine Braut jetzt hier, um sie kennen zu lernen. Daß es mir in England wieder sehr gut ging, hörten Sie vielleicht, obgleich ich von einem Concert zum Anderen, dachte, ich könne nicht mehr, wegen der Schmerzen in Armen und Händen, so ging es doch, mit großer Vorsicht im Ueben vorher, und sogar spielte ich sehr glücklich immer. Zurückkehrend erwartete mich gleich wieder eine neue große Sorge; ich fand Felix sehr unwohl; in Folge verschleppter Erkältung und unregelmäßiger Lebensweise stark hustend, abgemagert, schwach! ich nahm ihn gleich mit hierher, er gebraucht Milchcur und wird wieder ordentlich genährt, und so geht es schon wieder besser. Sie sehen aber, wie es bei mir immer auf und ab wogt, Freuden und Leid’ in stetem Wechsel. Und immer ist es doch die hehre Kunst, die mir Muth und Krafft giebt! wie oft, wird es mir mit kummervollem Herzen auch noch so schwer mich an’s Clavier zu setzen, fühle ich doch, wie der schwere Druck sich nach und nach von der Seele löst, und die Pulse lebendiger schlagen. Heute über 8 Tage gehe ich zum Pfingstfest nach Aachen, spiele dort Roberts Concert. Von dem Feste im August in Bonn (für ein Denkmal für Robert) unter Leitung Joachims haben Sie wohl gehört? das wird ein schönes Fest werden, und findet große Theilnahme. Ich hatte dabei einen schweren Kampf! als Gattin war es gegen mein Gefühl, mich dabei zu betheiligen, als Künstlerin aber, als Vertreterin seiner Musik, was ja meine Lebensaufgabe mit war, fühlte ich es meine Pflicht! sollte ich ihm zu Ehren einen Anderen seine Sachen, Concert, Quintett ect. spielen lassen? das konnte ich nicht, und wäre ich mir schwach vorgekommen, hätte ich mich nicht bekämpft. Geben Sie mir Recht, oder nicht?
Ich muß Ihnen nun aber Adieu sagen! lassen Sie mich bald ’mal von sich hören, lieber Freund, dann auch von allen Ihren Kindern, die Sie ja alle von mir und meinen Töchtern grüßen wollen.
Mit den innigsten Wünschen für Sie und all Ihre Lieben
Ihre
altergebene
Freundin
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
Empfänger: Voigt, Carl (1627)
  Empfangsort:
  SBE: II.15, S. 180ff.
 



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