20.11.2018

Briefe



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ID: 10530 Brieftext


Geschrieben am: 08.08.1841
 

Längst schon hätte ich Ihnen, meine liebe Freundin, geschrieben, und gedankt für Ihren freundlichen Brief vom Mai, doch wird mir seit einiger Zeit das Schreiben sehr schwer, das Blut steigt mir gleich zum Kopfe, so daß Sie auch jetzt mit nur wenigen Zeilen Fürlieb nehmen müssen. Sie sind ein liebes Mädchen! hätte ich das nicht schon längst gewußt, jede Ihrer Zeilen hätte es mir sagen müssen. Könnte ich Sie doch nur einmal wieder ein Stündchen sehen – ach, wären Sie hier! fehlte mir noch etwas in meinem Glück hier, so wäre es eine Freundin wie Sie, zu der ich mich so hingezogen fühlte, und mit der ich auch in musikalischer Hinsicht so harmonisirte, als ich glaube, daß es zwischen uns immer seyn würde. Nun, wer weiß, was noch einmal das Schicksal bestimmt! –
Ihre Mittheilungen vom Graf Costa machten mir viel Freude – das ist ein Musikmensch! Feuer und Flamme! ich glaube ihn strengt das Zuhören weit mehr an, als einen Andern das Spiel; wie muß es aussehen, wenn er selbst spielt! solch ein Kunstenthusiasmus macht Einem Freude, man findet so selten dies wahre Interesse. Mir that es leid, daß er so kurze Zeit nur hier blieb. Ist er in Berlin jetzt? dann sehen Sie ihn gewiß oft, und sagen ihm wohl einmal unsere Empfehlungen. Mendelssohn ist ja nun bei Ihnen in Berlin! es wurde ihm der Abschied von hier sehr schwer, obgleich er uns gewiß bald wieder besuchen wird. Er hat versprochen einen Theil der Winterconcerte zu dirigiren, und später (in einem Jahr) ganz wieder zu uns zurückzukehren. Die Verehrung, wie er sie hier fand, wird ihm in Berlin nicht, die Cabale und Intrigue ist dort zu vorherrschend! ich weiß aus sicherer Quelle, daß man ihn schon, bevor es noch gewiß war, daß er nach Berlin kam, verklatschte, beraisonnirte pp. freilich hat seine Familie viele Schuld daran, doch sollte man liberal genug sein, und den Künstler ganz und gar von dem Privatmenschen trennen – übrigens ist auch Mendelssohn’s Persönlichkeit so höchst liebenswürdig und fein, nobel, daß ich nicht begreife, wie sich noch immer Leute finden, die nicht satt des Tadels werden können. Verzeihen Sie, ich bin etwas ärgerlich geworden! – Sie werden gewiß eine schöne musikalische Zeit bekommen, und viel Musik auch mit Mendelssohn machen? kommen Sie oft mit der Familie zusammen? ich glaube Sie besuchen immer die Morgenunterhaltungen bei der Henselt? Mendelssohn wurde noch sehr feierlich am Vorabend seiner Abreise von hier begrüßt. Man brachte ihm ein Ständchen mit Fackeln, und spielte seine Hebriden und die Oberon-Ouvertüre, auch wurden von einem starken Sängerchor Quartette von ihm vorgetragen. Die ganze Promenade, wo er wohnte, war mit Menschen angefüllt. Er hat übrigens seine Wohnung hier behalten, desgl seine Meubles pp. Nun, meine liebe Marie, lassen Sie Sich danken für all die Liebe, die Sie immer meiner armen, so schwer geprüften Mutter, beweisen; sie schreibt mir in jedem Briefe von Ihnen und den Ihrigen, so daß es mir wirklich eine Beruhigung ist, sie unter dem Schutze ud. der Theilnahme solcher Freunde zu wissen. Fragen Sie doch einmal Ihren Herrn Vater, ob es nicht möglich, daß sie für die beiden Knaben in irgend einem königlichen Institute Freistellen bekäme? ich schrieb es ihr schon mehrmals, doch sie hält es für unerreichbar. Ich verstehe das nicht so, doch sagen Sie mir Ihre Meinung, es wäre doch eine große Erleichterung für die Mutter! es ist keine Kleinigkeit für eine Frau in diesem Alter von Früh bis Abend herumlaufen und Stunden geben, und damit eine Familie in Berlin ernähren. Nicht wahr, Sie schreiben mir recht bald wieder, und dann auch recht viel von Ihrem musikalischen Treiben, und ob Sie mir immer freundlich gesinnt bleiben! –
Mein Robert grüßt freundlichst – er hat Sie auch recht lieb gewonnen! ich wünschte Sie könnten seine neuen Compositionen für Orchester hören! der ganze Mensch, gemüthvoll, edel, wie er ist, findet sich wieder in seinen Compositionen. Ich liebe und bewundere ihn täglich mehr.
Ihren lieben Eltern sagen Sie noch herzliche Grüße von mir, und lassen Sie Sich in aufrichtigster Freundschaft umarmen von Ihrer
Clara Schumann.
„Inselstrasse No. 5.“

[Umschlag]
Fräulein
Fräulein Marie Lichtenstein.

  Absender: Schumann, Clara, geb. Wieck, Clara (3153)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Leipzig
  Empfänger: Lichtenstein, Marie, verh. Hoffmeister (2597)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.17, S. 371-374
 



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