15.07.2019

Briefe



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ID: 10542 Brieftext


Geschrieben am: Montag 25.08.1873
 

Lichtenthal d. 25 Aug. 1873.
Lieber Freund,
machen Sie sich doch ja keine Scrupel wegen der Genovefa. Es freut mich vor allem, daß Sie sie aufführen wollen, hätte sich damit eine gute Einnahme, ich meine, eine fortlaufende verbinden lassen, nun so wäre das ja nebenbei sehr angenehm! aber, an diese Aussicht hätte ich doch nicht viel geglaubt, und wie gesagt die Freude sie in München unter Ihrer Leitung aufgeführt zu sehen überwiegt alle anderen Bedenken. Dann ist ja doch das Honorar sehr anständig. Ich schrieb hierbei in einigen Zeilen an Perfall meine Annahme; mir fiel dabei ein, sollte ich etwa sagen, daß, sollte ’mal später doch die Tantieme bei Opern eingeführt werden, und die Genovefa wieder hervorgesucht werden, man mir eine Solche verspreche mit Abgang von etwa der Hälfte des Honorars? ich überlasse es ganz Ihnen, weiß ich doch, daß Sie nur für mein Bestes denken, und bin vollkommen einverstanden was Sie meinen. Ich lasse die Zeilen an Perfall offen, haben Sie etwas daran auszusetzen, vielleicht daß ich das Geschäftliche nicht stylgemäß gesagt habe, so schicken Sie ihn mir zurück und ich schreibe anders; ist es aber recht so, so übergeben sie sie an Perfall. Was die Aufführung selbst betrifft, so machen Sie doch ja Alles, wie Sie es für das Beste halten. Ich wollte Sie entschlössen sich zu mehr Barbarei, wenn Sie es so nennen wollen, und änderten an einigen Stücken, wie Sie mir früher sagten – es wäre ja nur im Interesse des Werkes – ich würde darin nur eine liebevolle Hingabe an das Werk erblicken – den Wunsch demselben Lebensfähigkeit zu verleihen. Mit den Partituren ist mir Alles recht! – Mir wäre es am liebsten könnte die Oper in der ersten Woche October gegeben werden, da ich am 11ten Octbr. mit Stockh. in Stuttgart Concert geben will, und gern Beides vereinigte.
Ich könnte von Anfang Octbr an – sollte das aber nicht passen, auch schon Ende Septbr., da ich einstweilen nichts vornehme, oder, wenn doch noch, nicht länger als 2–3 Wochen. Gern sähe ich mich noch ein wenig im bayrischen Gebirge um, aber allein zu Zweien ist es ja trübselig. Sie haben doch meine Depesche von Bonn (Godesberg) erhalten? ach, lieber Levi, daß Sie nicht dort waren, das that mir doch gar zu leid, es war ein so herrliches Fest, so gelungen durchaus, die Orchester-Leistungen, vor Allem wundervoll! Sie hätten sicher Freude gehabt, und als Freund sich auch meiner Aufnahme gefreut; sie war so herzlich, daß ich mich zu Boden gedrückt fühlte, während doch mein Herz in freudigster Erregung hoch auf schlug. Ich wüßte nie, daß mir eine künstlerische Anerkennung so wohl gethan hätte, als bei dieser Gelegenheit das persönliche Wohlwollen der Menschen, das wahrhaft herzliche Entgegenkommen. Daß ich den künstlerischen Anforderungen gerecht werden konnte, beglückte mich auch nicht wenig, und tiefer Dank gegen ein gütiges Geschick, das mich so Herrliches erleben ließ, erfüllte meine Seele.
Sie wollten gern Einiges lesen – ich sende Ihnen hierbei einige Berichte aus der Kölner Zeitung – Anderes habe ich nicht gelesen. Bitte, heben Sie sie mir auf, weil ich sie mir gern verwahren möchte. Hat Brahms das Buch nicht mehr, so lege ich Ihnen dieses auch bei wegen der sehr schönen Vorrede von Deiters. Sie freuen sich gewiß auch zu hören, daß Johannes mich ein paar Tage besucht hat, was eine schöne Nachfeyer für mich war. Herrliches hat er ja wieder geschaffen, und bin ich ganz entzückt davon – die Freundlichkeit mit der er mich Alles kennen lehrte, erhöhte noch die Freude daran. Meine Lieder habe ich bis auf das Feilen, das freilich keine kleine Arbeit, fertig. Johannes war so freundlich mir manchen guten Rath zu geben. Ich bringe sie mit, wenn ich komme – muß sie freilich erst noch Alle abschreiben ect.
Leben Sie wohl und bleiben Sie treu gesinnt
Ihrer
altergeb.
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Lichtenthal
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 633-636
 



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