15.07.2019

Briefe



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ID: 10568 Brieftext


Geschrieben am: 22.11.1873
 

Hamburg d. 22 Nov. 1873.
Lieber Levi,
denken Sie, erst gestern (Freitag) Abend erhielt ich Ihre lieben Zeilen auf die ich seit Dienstag von Stunde zu Stunde gehofft! gestern erst sandte mir Rheinthaler ihren Brief nach. Ich hatte Ihnen meine Adresse so genau angegeben, daß ich mir Ihr Schweigen durch nichts erklären konnte – selbst wenn die Oper durchgefallen wäre, so erfuhr ich das doch lieber von Ihnen, als von Anderen. Nun, Gott sei Dank, ist dies nicht der Fall, und gewiß wäre auch der Erfolg des 3ten Actes besser gewesen,
wäre nicht der Siegfried so mangelhaft, und die Scheffzky so entsetzlich gewesen, wie mir eben auch gestern Frl. List schrieb. Diese hatte nach Berlin geschrieben, und so erhielt ich deren Bericht gestern auch erst, eine Stunde vor dem Ihrigen. Von Vogel und der Stehle schreibt sie auch entzückt und ich glaube auch daß die Oper ein gewähltes Publikum immer finden wird. Vor allem danke ich Ihnen, lieber Freund, für Ihre so warme Hingabe für das Werk, und all die Mühe derer Sie sich unterzogen. Leider werde ich es wohl diesen Winter nicht hören können, da Chappell mich nicht losläßt, und sich an die engl. Reise einige andere Engagements noch anreihen. Wäre München näher, so könnte ich es im Januar wohl noch einrichten, aber die Reise ist zu weit und zu kostspielig, da ich nicht allein reisen mag.
Daß ich Ihnen die Mühe mit den Liedern auch noch aufgebürdet ist mir wahrhaft leid, aber Sie wollten es ja so. Ich habe sie noch nicht erhalten. In Berlin erwartete mich Unangenehmes, es führt aber schriftlich zu weit – ich muß es Ihnen einmal mündlich erzählen, und dann auch nur in tiefstem Vertrauen. Frl. List weiß übrigens davon durch Eugenie, da sie die Angelegenheit, die mir so Unangenehmes brachte, genau kennt. Ach, wie sind doch die Menschen, und kommt es nun gar von den besten Freunden, wie hart ist es dann.
Abends.
Eben erhielt ich die Lieder und danke nochmals herzlich dafür.
Nun muß ich Sie aber gleich wieder bemühen wegen des Manfred. Die Partitur haben ja Härtels gedruckt, und dann kann sie ja doch eigentlich ein Jeder kaufen. Für die Concertaufführungen steht mir kein Recht zu und doch für die Bühne?
In Leipzig ist er doch früher (auch in Weimar) aufgeführt worden ohne mich zu fragen! wie soll ich mich da nur verhalten? und was könnte ich dafür verlangen? doch viel weniger als für eine Oper. Da müssen Sie mir nun schon wieder rathend zur Seite stehen.
Dann habe ich auch noch eine Frage: hier wollen sie im philh. Concert einen Act aus der Genovefa geben, und bitten mich zu veranlassen, daß Jemand, also, z. B. Sie, ihnen diesen und eine Nummer aus dem 2ten Act leihen möchten. Soll ich das thuen? eigentlich darf doch keine Bühne, die das Werk gekauft, es herleihen zu anderen Zwecken? und thue ich es, führt das nicht dann weiter? dann kommen andere Directionen mit demselben Anliegen. – Bitte sagen Sie mir was Sie darüber denken – ich warte mit meiner Antwort bis ich Ihre Meinung weiß.
Ich leide sehr an rheumatischen Schmerzen im Arm, und doch habe ich gestern mit voller Kraft gespielt, und das Hamburger Publikum in förmlichen Enthusiasmus versetzt, wie ich ihn hier noch nie erlebt habe. Das macht Einem doch Freude.
Ich gehe nun nach Berlin zurück – also Adresse: In den Zelten Nro 8 IIter Stock.
Herzlichsten Gruß lieber Levi, auch von Eugenie schönsten Gruß, und Bitte baldige Antwort an
Ihre
getreu ergeb.
Clara Schumann.

Peters hat mir sehr freundlich geschrieben und mir für die ersten 100 Texte v. Wiesbaden 10 rh geschickt.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Hamburg
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 657-660
 



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