19.12.2019

Briefe



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ID: 10577 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 13.12.1873
 

Berlin d. 13t. Dec. 1873.
In den Zelten 10.
Lieber Freund,
Vor Allem herzlichen Dank für Ihre lieben Briefe und alle guten Nachrichten bis auf die schlimme, daß die Cholera wieder in München ist. Nehmen Sie sich nur recht in Acht! Es ist damit doch wirklich nicht zu spaßen.
Ich werde Ihren Rath in Allem befolgen und habe Avé erlaubt, sich die Nummern, die er wünscht, aus der Partitur, die Schmitt in Schwerin besitzt, abschreiben zu lassen. Ein kleines Honorar dafür zu verlangen, ging gegen mein Gefühl. Anderen würde ich es gar nicht in der Weise für Concertgebrauch überlassen, Avé ist mir aber ein alter Freund, und so mag ich es nicht abschlagen.
Denken Sie, die Schweriner hatten die Oper gekauft, nachher aber nicht den Muth, sie aufzuführen
Daß Frau von Pachers Bericht über Frl. Scheffzky übertrieben war, konnte ich mir wohl denken, sie schrieb jedoch hauptsächlich über ihr Spiel. Mich freut es für sie, daß sie das zweite Mal mehr Erfolg hatte. Von dem Concert von Brahms habe ich wohl die genußreichsten Stunden gehabt, das Publikum verhielt sich respectvoll, die Recensenten (wie Sie z. B. in den Signalen sehen können) unverschämt, weil gänzlich unfähig, solch ein Werk zu kapiren. Die Musik liebenden und verständigen Leute haben mir gedankt, daß ich ihnen das Werk vorgeführt, und das entschädigt mich vollkommen, nach der eigenen Freude, die ich davon gehabt. Reinecke hat sich viel Mühe gegeben mit dem Einstudiren, und ging es recht hübsch natürlich aber nicht mit der Freiheit wie bei Werken, die das Orchester kennt. Leider geht es mir nach dem Leipziger Aufenthalt nicht gut. Ich habe schon eine ganze Woche nicht spielen können, da die Schmerzen im Arm immer ärger wurden.
Für die Lieder nochmals besten Dank. Ich war mit Allem einverstanden bis auf eine Stelle in dem „Mit Myrthen und Rosen“, deren Klang ich durchaus nicht vertragen konnte. Leider sandten sie mir noch wieder drei Lieder zurück, und mußt ich dafür, weil sie sie nicht in ihrem Verlag hatten, andere machen: „Geständniß“ und „Er ist’s“, welche recht hübsch geworden, u. „Helft mir, ihr Schwestern.“
Was Sie mir von Wüllnern schrieben, verwundert mich sehr. Ich fürchte sehr, es wird schließlich doch nicht ohne Eclat abgehen. Ich würde mich aber an Ihrer Stelle zu Allem ruhig verhalten; Besser, es fällt Ihnen, was Sie wünschen, von selbst zu, als daß Sie es sich erzwingen – Ersteres kommt doch mit der Zeit.
Sie müssen Nachsicht haben mit meinem Briefe, aber mit dem Dictiren geht es schlecht, ich muß auch schließlich noch ein herzliches Wort selbst zu Ihnen sprechen, d. h. Ihnen meinen Gruß und Dank für alle Ihre Mühen wieder und wieder, selbst sagen. Dann noch, daß die Unannehmlichkeiten hier nicht von Ferdinand herrühren, sondern von Rudorff kommen, und zwar wegen Nathalie, das [sic] ich Diese zu mir genommen, die doch ehemalige Schülerin der Hochschule. Sprechen Sie nicht darüber etwa zu Ihren hiesigen Verwandten. Nun, die Sache ist jetzt abgethan, aber die neue Erfahrung, läßt doch einen Stachel in meinem Herzen zurück. Mündlich erzähle ich es Ihnen einmal.
In Dresden hatte ich schwere Tage. – der Schmerz über den Verlust meines Vaters brach dort mit erneuter Krafft aus; ich fand die Mutter vereinsamt, das alte Haus schon halb eingerissen um einem Neuen Platz zu machen, sollte mich nun theilen in die Verlassenschaft des Vaters – ach, ich kann nicht sagen, wie weh mir das that. Er hat so liebevoll auch für mich gesorgt, und ich konnte ihm nicht mehr danken nicht mehr ihn zärtlich umarmen, wie es doch die konnten, die um ihn waren. Wie hart ist es doch Eltern zu verlieren – in ihm verlor ich Vater und Mutter!
was habe ich ihm Alles zu danken, wie tief empfinde ich das bei jedem Gedanken an ihn. Er war doch ein wunderbarer Mann, begeistert für seinen Wirkungskreis bis zum letzten Tag, thätig immer nur für Andere, und wie einfach anspruchslos an das äußere Leben! – Selten in meinem Leben habe ich so tiefe Traurigkeit empfunden als jetzt – es vergeht kein Tag, daß ich mich nicht einmal ausweinen muß. Ich empfinde nun fast Reue, daß ich die Feder selbst ergriffen, nur um Ihnen Trauriges zu sagen!
Adieu lieber Freund. Von ganzem Herzen drücke ich Ihnen die Hand als Ihre
altergeb.
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
665-668
 



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