15.07.2019

Briefe



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ID: 10586 Brieftext


Geschrieben am: Montag 29.12.1873
 

Berlin d 29ten Dec. 1873.
In den Zelten 10.
Lieber Freund,
noch ein Dankeswort im alten Jahre und einen innigen Gruß zum neuen möchte ich Ihnen senden. Viel mehr kann’s nicht sein, weil es mir mit dem Arm schlecht geht. Seit drei Tagen laß ich ihn galvanisiren – der Arzt macht mir allen Muth, aber ich fühle seine Krafft nicht, es sieht kleinmüthig im Innersten aus. Denken Sie nur, wenn ich gar nicht mehr spielen könnte, das ist ja als würde mir, Luft und Licht entzogen! –
Für Ihren lieben Brief Dank – der Contract ist heute abgegangen, obgleich ich durch Herbecks Brief gar keine Gewährleistung habe, daß er nicht, sollten z. B. die Theater in Prag und Pesth ’mal unter K. K. Leitung kommen, da auch die Oper aufführen wollen könnte, ohne mich zu fragen. Nun, schließlich, ein Zugstück ist ja die Oper nicht, und, so laße ich es eben gehen.
Mit dem Honorar in München habe ich es aus Ihrem Briefe falsch verstanden gehabt – ich glaubte, die Tantieme wäre mir, außer den 600 Fl für später, zugesichert, jedoch natürlich dann erst nach Abzug wieder des Honorars! nun, es ist mir so recht wie Perfall meint, und nun möchte ich Sie nur bitten daß Sie von den 600 Fl 235 Fl nehmen und inliegende Rechnung für mich bezahlten und mir also nur 365 Fl von Perfall schicken ließen, und mir die Quittung des Tischlers wieder zusenden. Noch besser Sie geben Rechnung und Geld an Frau v. Pacher die den Tischler kennt, da haben Sie dann auch weiter keine Mühe. Bei uns ist es sehr behaglich, von Feuchtigkeit keine Spur. Unser kleines geselliges Leben fängt erst an, ich halte mich an meine alten Freunde hier – das sind nicht Viele. Von Joachims sehe ich nicht sehr viel, Er ist enorm beschäfftigt, Sie war öfters fort, nun geht er für 3 Monate fort. Ich habe aber auch nie besonders auf Joachims gerechnet, ich kenne ja deren vielfältig in Anspruch genommenes Leben, und in Bezug auf das Leben im allgemeinen gehen unsere Neigungen auseinander – ich lebe gern mehr concentrirt, nur zuweilen gesellig. Heute haben wir die erste größere Gesellschaft bei uns, sonst aber oft Einzelne unserer Freunde bei uns, wo man viel mehr voneinander hat. Die Schülerin ist Nathalie Janotha, die Sie ja kennen. Sie spielt am 1ten Jan. in Leipzig, eben habe ich sie zur Bahn gebracht, bin aber so unruhig um sie, als wäre sie mein Kind. Dorthin hätte ich sie gern begleitet um ihr Muth zu machen gegen die Gewandhaus-Direction – das große Thier! aber das wäre mir hier ausgelegt worden, als wolle ich den Ruhm einstecken für die Hochschule und Rudorff – also, ich blieb. Ich nahm sie zu mir, weil die Mutter nach Warschau zurück wollte, und sich doch nicht entschließen konnte, die Tochter in Pension zu geben da sie delicat von Gesundheit ist, und der Arzt ihr kräftige Kost und regelmäßige Lebensweise verordnete. Dies, und aber auch der Gedanke ihr in manchem Anderen nützen zu können, brachte mich zu dem Entschlusse, sie versuchsweise in’s Haus zu nehmen. Dies zog mir aber eine Fluth von Vorwürfen hier zu, denn nun mußte man glauben, sie hätte in der Hochschule nicht genug lernen können, nun würde sie als meine Schülerin gelten ect. ect.; der Himmel weiß wie unschuldig ich zu diesen Vorwürfen kam! wir haben uns nun nie darüber ausgesprochen, aber verwischen kann sich der Eindruck, den ein solch Mißtrauen gemacht, erst mit der Zeit.
Wissen Sie daß Bernais mit der sehr hübschen Frau Oppermann in Leipzig verlobt ist? ich freue mich seines Glückes in München jetzt doppelt. Felix hatte eine Freude jetzt – Johannes schickte als Weihnachtsgruß ein kleines Gedicht von ihm sehr schön componirt. Die Ordensgeschichte wußte ich schon lange durch Frl. List. Er spielt es täglich ein paar Mal durch. Es geht ihm leidlich, er studiert fleißig, hustet aber immer noch – im Winter ist dies wohl auch nicht fort zu bringen.
Eugenie nimmt Gesangstunden, ein lang gehegter| Wunsch, aber nur für’s Haus natürlich.
Jetzt aber muß ich schließen, stark mahnen die Schmerzen –ich schrieb viel mehr als ich gesollt! Lassen Sie sich aufs wärmste die Hand drücken zum neuen Jahre und gedenken Sie
Ihrer
alt ergebenen
Freundin
Clara Schumann

Die Kinder senden herzliche Grüße – wir Alle auch an Herrn Allgeyer mit besten Wünschen auch für ihn.
Wie geht es Ihrer Freundin? sagen Sie mir dies bald ’mal.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 670-673
 



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