19.12.2019

Briefe



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ID: 10604 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 11.02.1874
 

Berlin d. 11 Febr. 1874.
In den Zelten 11.
Lieber Freund,
Tag für Tag hoffe ich auf Milderung meiner Schmerzen im Arme, weil ich Ihnen so gern eigenhändig schreiben wollte, doch, es will sich nicht bessern und so schreibe ich heute trotz der Schmerzen, denn mir liegt der Dank für Ihren lieben letzten Brief auf dem Herzen, und so Manches noch! –
Mein kurzer Brief neulich war nur in momentaner Mißstimmung, erzeugt [durch(?)] die Ihrige, unverkennbare, geschrieben, zugleich aber auch in Eile, so daß Einiges ganz anders herausgekommen sein mag als es gemeint war. Sie hatten mir mit der Tantieme Unrecht gethan – ich hätte deshalb nie angefragt, wenn Sie es mir früher nicht geschrieben hätten– Sie wissen doch, daß ich mich in solchen Sachen nie interessiert zeige. Nun, in Ihrem letzten Schreiben sagen Sie ja selbst, daß Sie es geglaubt hätten. Daß ich Sie bat von dem Theater-Honorar meine Rechnung zu bezahlen, das war unüberlegt – da ärgere ich mich über mich [jet(?)]zt. Ich werde Ihnen doch wahrlich nicht zumuthen so mir nichts dir nichts eine Rechnung von 230 fl für mich auszulegen. Hier hatte ich also recht. Dann, mit der Partitur doch gewiß auch, denn, sind wir auch noch so gute Freunde, so werde ich es doch stets als eine Güte ansehen, wenn Sie mir Zeit und Kräffte widmen, um mir hülfreich zu sein. Das war also einfach so gemeint. Das „Gott befohlen“ war auch absichtslos und nur weil ich eilig schloß.
Doch genug davon, liebster Levi! wir haben’s Beide nicht schlimm gemeint, das wissen wir nun doch wohl von einander und so ein kleiner Zornausbruch dauert ja nur eine Minute – was will das sagen in langjähriger Freundschaft?
Nun muß ich Ihnen aber erzählen, daß ich in Leipzig war und eine genußreiche Zeit dort verlebt habe. Es waren herrliche Genüsse, die ich eingesogen habe, wie eine Biene. Oft habe ich an Sie gedacht und Sie herbei gewünscht. Der Rinaldo wurde leider sehr durch den Tenoristen beeinträchtigt, vieles Herrliche kam aber doch zur Geltung, die Chöre, die prachtvolle Instrumentierung, die Characteristik des Ganzen – welch geniale Momente sind darin, wie lebt das Ganze vor Einem! – Nun aber das Concert am Donnerstag! Da weiß man gar nicht, wo anfangen.
Die Variationen sind ja herrlich! man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Charakteristik einer jeden Var., die prachtvolle Abwechslung von Anmuth, Krafft und Tiefe, oder die wirkungsvolle Instrumentation – wie baut sich das auf, mit welcher Steigerung bis zum Schlusse hin! das ist Beethoven’scher Geist von Anfang bis Ende. Und nun die Rhapsodie, dieses wunderbare Stück, das ich so noch nicht gehört hatte. Welcher Schmerz welche Trostlosigkeit liegt in dieser Introduction, und welch himmlischer Friede zum Schluß. Dann kamen die Liebeslieder und die 3 Ungarischen für Orchester, wie ausgeführt unter seiner Direction! Die Liebeslieder vortrefflich gesungen, die Ungarischen, als ob man eine Zigeunerbande hörte!
Mir jubelte das Herz den ganzen Abend, das Publikum war wie alle unsere modischen Publikums, flau, nur bei den Liedern und Tänzen, da wurden sie etwas lebendig. Man konnte übrigens
die Aufnahme von Johannes gut nennen, das Entgegenkommen der Musiker, Musikfreunde außerordentlich – er wurde wahrhaft gefeiert in den Privatkreisen. Das Orchester schien begeistert so lange er den Stab schwang – sie fühlten wohl das war ein Anderer, als sie jetzt gewöhnt sind. Welch ein Glück ist es jetzt, in dieser Zeit der Ordre einerseits, der Verderbniß andererseits, daß uns so Einer lebt! Wir, Simrocks, Johannes, Frau Joachim, wohnten Alle in einem Hôtel, und hatten Morgens immer eine gemüthliche Frühstücksstunde zusammen. Es war mir im Ganzen genommen doch sehr lieb, daß sich Johannes mal wieder in Leipzig gezeigt. – Hier erwarteten mich traurige Tage – Felix hatte einen Rückfall und der Doctor sagte, seine Lunge sey angegriffen, er müsse nächsten Sommer und den darauffolgenden Winter nach Davos. Mit welchem Herzen hört eine Mutter solchen Ausspruch! ich habe furchtbare Tage verlebt, unsäglich angekämpft gegen den Kummer darüber – ein geliebtes Kind nach dem Anderen soll ich verlieren, und meine treueste Helferin und Trösterin, die Kunst, vielleicht auch! doch, klagen will ich nicht, noch habe ich ja die zwei Töchter – es scheint, der Mensch soll immer einsamer werden, damit er immer weniger am Leben hängt! aber, so lange man noch ein theueres Wesen hat, das Einem gehört, so lange hängt man doch mit allen Lebensfasern daran. Was Sie mir am Schlusse Ihres Briefes sagten, hat mich auch recht betrübt – Zuspruch kann man nach solchen Worten nicht mehr versuchen, und doch möchte man es so gern. Die Kinder erwiedern herzlich Ihre Grüße. Eugenie hat eine ganz hübsche Stimme, mußte aber einer Erkältung halber 4 Wochen aussetzen. Uebrigens öffentlich singen will sie nie, hat ja auch nur eine kleine Stimme. Daß Herr Berneis verlobt ist mit Frau Oppermann, einer allerliebsten Wittwe, wissen in Leipzig Alle, die sie kennen. Ich habe ihr kürzlich gratuliert, auf sein Wohl mit ihr angestoßen.
Eine Bitte habe ich: haben Sie nicht vielleicht die Orchesterstimmen zu d. Scholz’schen Clavierstück, welches ich mal in Carlsruhe probirte, zufällig noch unter Ihren Noten? ich schrieb, weil ich sie bei mir nicht fand, an Will, der sie auch in Carlsruhe nicht fand, und meinte, sie seyen möglicherweise mit nach München gekommen. Bitte, sehen Sie ’mal nach. England habe ich natürlich aufgeben müssen, wie Alles vorher. Im April (Mitte) muß ich nach Töplitz – Electricität hat mir gar nicht geholfen.
Ist keine Aussicht, daß Sie ’mal hierher kommen? – Ihre reizende Cousine sah ich einige Male – ich habe beide Leute sehr gern.
Der Tod der Frau v. Perfall hat mich sehr bestürzt – die Frau war gar nicht anmuthig, aber sie machte mir den Eindruck einer tüchtigen Frau, und das war sie wohl auch? der arme Mann! –
Wie steht es überhaupt mit der Cholera? ist sie noch immer so schlimm? – das Lied folgt nächstens. Ich muß schließen – der Arm mahnt heftig. – Schreiben Sie mir bald ’mal wieder, lieber Freund! wie doppelt ergreifend empfindet man die Freundschaftszeichen in Zeiten der Prüfung!
Denken Sie daran, und bleiben Sie gut Ihrer allezeit getreuen Freundin Clara Schumann.

An Hrn. Allgeyer herzlichen Gruß.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
677-681
 



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