19.12.2019

Briefe



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ID: 10740 Brieftext


Geschrieben am: Montag 06.12.1875
 

Berlin d. 6 Dec. 1875.
Lieber Levi,
wie unzählige Male dachte ich daran Ihren lieben neulichen Brief zu beantworten, aber es kam mir durch das Concertreisen zu viel Nöthiges, wo dann immer das, was man am liebsten thäte, zurückstehen muß. Ich hoffe Sie haben in meinem doppelten Schweigen auch am 7ten keine Aenderung meiner alten treuen Gesinnung gesehen. Es war rein der Zufall, daß ich in den Tagen zu concertieren hatte, und leider einen Tag zu spät daran dachte. Das Alter macht sich eben geltend, nicht in der Kunst, da fühle ich mich stets verjüngt, aber im practischen Leben da merke ich es; ich vergesse so oft etwas, kann nicht leicht an Mehreres zugleich denken. Nun, lieber Freund, ich denke Sie nehmen den sehr verspäteten Händedruck noch jetzt freundlich auf – die Freude, daß ein so tüchtiger Mensch wie Sie geboren wurde, ist doch im Grunde stets dieselbe,ob heute,ob morgen.
Mit meinem Nichtkommen nach München4 sind Sie im Irrthum; ich habe wirklich keinen anderen Grund als den der beschwerlichen großen Reise mitten im Winter. Machte es sich ’mal im Herbste, etwa Ende Septbr oder Anfang October oder auch bis 1te Hälfte Nov., mit Freuden wäre ich dann dabei. Mit dem Wohnen, das wäre keine Schwierigkeit – wir waren ja recht oft im Bären. ich allein bei Ihnen, die Kinder bei Meyers!!! das war wohl nicht Ihr Ernst!? das wäre was für Stadtklatsch. Ich würde mich durchaus nicht genieren Pachers dies ganz offen zu sagen.
Sehr interessirt haben mich Ihre Mittheilungen über Ihre Braut – welch ein Jammer, daß solche schönen Geistesgaben dem kranken Organismus erliegen müssen! –
Sagen Sie mir doch wie man die Einleitung von Bernays zu lesen bekommen könnte? – Possart besuchte uns neulich – leider konnten wir ihn noch nicht bei uns sehen, da wir erst gestern, für längere Zeit nun, hierher zurückgekehrt sind. Auch spielen sehen konnten wir ihn noch nicht, das Theater ist von uns ¾ St. entfernt, und wie umständlich ist es hier ehe man nur ’mal Billets hat. Ich hoffe aber doch diese Woche es noch zu ermöglichen. Von Brahms hatte ich gute Nachrichten. Er wird an verschiedenen Orten im Febr. u. März spielen – geschieht dies nicht vielleicht auch in München?
Wir wollen diese Woche die neuen Liebeslieder ’mal bei mir aufführen – ich freue mich sehr darauf. Auch das C moll Quartett soll nächstens, wenn Joachims von Schweden zurück sind, probirt werden. – Neulich war hier wieder eine Aufführung der Hochschule – das Weihnachts-Oratorium; sie war selbstverständlich ausgezeichnet, auch fand ich Manches in dem Werk herrlich, aber einer Passion es gleichzustellen scheint mir doch nicht gerechtfertigt, und ich scheue mich nicht dies auszusprechen.
Hätte man aus den sechs Theilen eine Auswahl der schönsten Nummern gebracht, ich hätte mehr Genuß gehabt, als an den 3 Theilen ohne Auslassung einer einzigen der Arien, die Einem doch zu viel werden, so schön ich auch zwei oder drei fand. Ich möchte wissen wie Sie darüber denken? Schließlich hören Sie noch, wonach Sie so theilnehmend fragen, daß es mir überall sehr geglückt ist, und die Aufnahme glänzender denn je war. Ich muß aber mit meinen Kräfften haushalten, das thue ich auch. Jetzt bleibe ich bis zum März ruhig hier, mit Ausnahme ein paar kleiner Abstecher n. Dresden dann gehe ich, aber nur auf 4 Wochen (mehr nahm ich nicht an) nach England, spiele auch nur 2 Mal wöchentlich, ein Mal nur 2 Nummern, das andere Mal nur eine Nummer. Chappel ging auf Alles ein, ich solle nur kommen.
Zu allerletzt nun noch ganz im Vertrauen, wir gehen fortwährend mit der Idee um fortzuziehen – ich passe hier nicht hin, kann nur in einer mittelgroßen Stadt finden was ich für den künstlerischen wie geselligen Verkehr bedarf. Hier werde ich früher älter als ich eigentlich bin. Mir fehlen musical Genüsse, künstlerischer Verkehr, der Einem auch ’mal eine gemüthliche Stunde Musik vergönnt, kurz, das Licht und die Luft, die ich brauche. Und nun Adieu, lieber Freund. Möge Ihnen dies Jahr Gutes bringen, so viel es möglich ist.
Getreu Ihre Clara Schumann.

Die Kinder grüßen & Felix geht es besser.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
703ff.
 



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