15.07.2019

Briefe



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ID: 10810 Brieftext


Geschrieben am: 15.07.1876
 

Büdesheim d. 15 July 1876
Lieber Levi,
wie sehr oft habe ich an die Beantwortung Ihres vorletzten Schreibens gedacht, aber, wenn man im voraus weiß, man kann nicht so antworten, wie der Andere es wünscht, dann geräth man in’s Verschieben. Freilich wird es dadurch nicht minder schwer, das fühle ich jetzt. Ich erkenne Vieles an was Sie mir sagen, aber, in der Hauptsache, der augenblicklichen Sachlage, kann ich Ihnen nicht Recht geben. Ich würde es an Ihrer Stelle nicht zum Aeußersten kommen lassen, sondern Wüllner die Direction des Rheingold u. Walküre lassen. Ihr Bedenken wegen verschiedener Temponahme scheint mir nicht genügend, es wäre doch nicht denkbar, daß zwei Musiker wie Sie Beide sich nicht sollten darüber einigen können, wenigstens annähernd, es kann sich dies ja nur auf die eine oder andere Nummer beziehen, und würde wohl kaum bemerkt werden. Ich wollte, ich vermöchte es über Sie, daß Sie nachgäben. Im Großen, Ganzen bleiben Sie ja der Künstler, der Sie sind, und dem Menschen wird man es hoch ansehen wenn er gerecht war. Mein hartes Wort neulich nehme ich gern zurück, hatte es ja nur in der Voraussetzung gebraucht, daß W.um einen großen Theil seines Verdienstes komme, ich kann aber trotzdem Ihnen nicht Recht geben gegen meine Ueberzeugung. Geben Sie nach, lieber Freund, aber benutzen Sie jetzt den Moment sich einige der Rechte derer Sie sich aus Gutmüthigkeit begeben hatten, wieder an sich zu ziehen, indem Sie sagen, Sie geben in der Wagner-Affaire nach, aber, Sie verlangen für die Folge einige der bedeutenden Opern, die Sie Wüllner gelassen hatten, für sich, das muß dann ein Jeder billig finden. – Ich bin überzeugt, Sie denken in 10 Jahren anders über die Sache als jetzt – jetzt beherrscht der Ehrgeiz Sie, und drängt Herz und Verstand in den Hintergrund. – Verzeihen Sie meine Offenheit, aber für mich giebt es keine Freundschaft ohne Diese, und wie gut ich es stets mit Ihnen gemeint, wissen Sie ja.
Recht leid ist es mir, daß wir nie mehr im Sommer zusammen treffen – ich bin überzeugt hohe Bergluft wäre Ihnen ganz heilsam für die Nerven – sie stärkt doch mehr als alles Andere. Wir gehen übermorgen nach Klosters.
Dank für Ihren guten Rath mit Pfläging, den ich befolgt, aber noch nichts wieder gehört habe.
Die Kinder grüßen schönstens – Elise ist munter und vergnügt mit ihrer Freundin – sie haben sich Beide von Herzen lieb.
Lassen Sie mich doch bald hören wie Alles geworden, Sie können denken, wie gespannt ich bin! – Adresse: Klosters in Graubünden – Pension Florin
In alter freundschaftlicher Gesinnung Ihre Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Büdesheim
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 724f.
 



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