19.12.2019

Briefe



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ID: 10845 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 27.12.1876
 

Berlin den 27 Dec. 1876.
Lieber Levi,
Ihre lieben Briefe habe ich all die Zeit mit in meiner Mappe auf Reisen gehabt, um Ihnen ’mal in einer Mußestunde zu antworten, wo aber blüht mir Diese! –
Es war wirklich nicht möglich, ich konnte nicht und sehe auch heute ein solches Paquet Briefe zur Beantwortung vor mir liegen, daß ich nicht weiß wie fertig werden!
Bedenken Sie, daß ich in Barmen, Bremen, Hamburg (2 mal) Hannover, Leipzig, Breslau concertierte, und 8 Tage vor Weihnachten hierher zurück kam, wo sollte ich nun Zeit zu freundschaftlichen Briefen finden, konnte ich kaum die nöthigsten, geschäftlichen erledigen! Glauben Sie mir nur das, daß ich oft an Sie gedacht und die besten Vorsätze hatte, aber keine Riesennatur wie man, und besonders meine Freunde, mir immer zutrauen! – Lassen Sie sich also die Hand drücken für Ihre lieben Briefe, und halten Sie fest daran, wenn mich etwas verstimmt, so sage ich es, es müßte denn die unglückliche Wagner-Schwärmerei betreffen, darüber schweige ich, denn mit einem seit Jahren bewährten Freunde möchte ich nicht brechen um einer Meinungsverschiedenheit, so bitter mir diese auch ist, weil sie störend in das so lange und schöne bestandene
gemeinsame Künstlerleben eingreift. –
Herzlich erfreut war ich Ihrem letzten Briefe zu entnehmen, wie schön sich das Verhältniß zu Brahms wieder geebnet hat. Die Symphonie hoffe ich nun im Januar in Leipzig zu hören – am Klavier hatte ich ähnliche Eindrücke wie Sie. Er schrieb mir dieser Tage, daß er nun doch in Düsseld. abgeschrieben habe – ich verdenke es ihm nicht, aber, ich glaube sie lassen ihn doch nicht los. Daß Sie das Weihnachtsfest so ganz einsam verlebt, thut mir doch leid, ich hätte Sie lieber Ihren so traurigen Erinnerungen in etwas durch Ansprüche von außen entrissen gesehen.
So schwer mir seit vielen Jahren schon dieser Abend ist, so preise ich mich doch immer glücklich, daß ich gezwungen werde, die schweren Erlebnisse u. Verluste, in den Hintergrund treten zu lassen, wenn sie dann auch wieder auf das arme geprüfte Herz eindringen, so ist doch der Schmerz ein milderer, als an solchen Tagen, die man mit den Geliebten in reinster Glückseligkeit gefeyert hat. So war denn unser Abend still aber doch erheitert durch der Kinder unbefangene Freude an Allem, Eug. u. Marie’s frischer jugendlicher Sinn bei solchen Gelegenheiten ist mir immer wahres Labsal.
Es bleibt mir dies Jahr wenig Zeit für Berlin, denn Anfang Febr. reise ich schon wieder nach England über Holland, und komme wohl erst nach Ostern zurück. Hier fühle ich mich eigentlich immer unbehaglicher, ich habe eben gar keinen Wirkungskreis hier, concertire auch sehr selten, das Publikum ist kein warmes und, was das Schumann u. Brahms-Verständnis betrifft, weit hinter allen anderen Orten Deutschlands zurück. Ueberhaupt herrscht hier die Mittelmäßigkeit, und dem Beteudenden [sic] bringt das Publikum eigentlich kaum guten Willen zur Anerkennung mit, das sahen wir erst neulich wieder in dem Hochschule-Concerte,8 wo die Orchester-Leistungen prachtvoll waren, die aber das Publikum so hinnahm als müsse es so sein!
Ich muß aber schließen und so rufe ich Ihnen denn zum neuen Jahr meine herzlichsten Wünsche zu – möchte es Ihnen recht viel des Guten bringen Gesundheit und frohen Lebensmuth. Die Kinder grüßen sehr, und so bleiben Sie denn gut
Ihrer
herzlich ergeb.
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
735ff.
 



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