15.07.2019

Briefe



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ID: 10897 Brieftext


Geschrieben am: 31.07.1880
 

Schluderbach (Süd-Tyrol) d. 31 July 1880.

Liebe, gute Herzogenberg,

wie lange hielt ich den Dank für Ihren lieben Brief nach der Enthüllungsfeyer zurück – empfunden habe ich ihn jeden Tag, und kam doch nicht zur Aussprache. Ach ja, wären Sie Beide doch zugegen gewesen, es war eine würdevolle, wahrhaft erhebende Feyer, und Jeder schien so recht mit dem Herzen dabei. Unsere, und namentlich meine Gefühle waren wohl sehr getheilte, Schmerz und Wehmuth bestürmten meine Seele, doch Freude und Dank gegen das gütige Geschick, das mich dies erleben ließ, verwandelten die tiefe schmerzvolle Erregung, die ich vorher empfunden, im Momente der Feyer ganz und gar in eine erhabene, festliche Stimmung, und in dieser herrlichen Erinnerung lebe ich jetzt, ob noch lange oder kurz? wer weiß <>es! – Ich war Anfangs der <>Reise so elend, es überfiel mich eine solche Nervenüberreizung, daß ich einige Tage dachte, es sey aus mit mir, aber, dem Himmel sey Dank, es geht mir jetzt schon wieder besser, und ich hoffe wieder mehr auf gänzliche Erholung. Tage und Nächte lang konnte ich kein Wort sprechen, keinen Gedanken überhaupt fassen, ohne Musik dabei zu hören! der Zustand war unbeschreiblich qualvoll. Ich hatte wohl in letzter Zeit zu viele Anstrengungen, es stürmte von allen Seiten auf mich ein, auch körperliche Leiden (Zahnschmerzen) kurz – es war wohl die höchste Zeit, die Ruhe zu suchen. Leider muthete ich mir in München noch große Erregungen durch die Mustervorstellungen zu, dabei war die Hitze im Theater oft schrecklich, – und doch haben wir einige großartige Eindrücke empfangen, die uns eine schöne Erinnerung bleiben, und die Anstrengungen vergessen machen. Wie gern wären wir nach Berchtesg. gegangen, aber ich brauchte hohe Luft, und hier ist sie wahrhaft stärkend und erquickend, freilich, – die Natur entbehrt ganz der Vegetation, und der Lieblichkeit, die Berch. in so hohem Grade besitzt, daher wurde uns der Entschluß, hier 4 Wochen auszuhalten, doch schwer, aber, wir trösten uns mit dem Gedanken auf der Rückreise noch einen Aufenthalt dort zu machen, und möchten gern wissen, wie lange Sie noch bleiben? wir hoffen doch sehr, Sie noch zu finden, und ich freue mich herzlich für Eugenie, daß sie die Freude bald hat, mit Ihnen zu sein. Sie hat Ihnen wohl geschrieben, daß sie in etwa 8 Tagen nach Bercht. kommen will? ob sie wohl beim Schwabenwirth Unterkommen finden wird? Volklands, mit Denen wir hier sind, grüßen schönstens; sie sind uns liebe Gefährten! Wahrscheinlich gehen sie aber früher von hier fort, als wir, sie wollen gern noch in’s Engadin. Er war recht angegriffen, und muß sehr geschont werden, aber, ich denke, auch ihm thut die Luft hier gut. Wir sitzen hier in einem der großartigsten Felsenthäler das man sich denken kann. Erst glaubten wir es aber nicht aushalten zu können, jetzt wird uns die Gegend täglich lieber, auch sind wir im Hause gut aufgehoben. – Wie machen Sie es diesmal, essen sie bei’m Schwabenwirth? behagt es Ihnen noch? – Marie grüßt Sie beide herzlich – sie hat ein Pianino hier (ich ließ es für sie kommen, für mich durfte ich es leider nicht), und das macht ihr den Aufenthalt doppelt angenehm. Sehen Sie Engelmann’s? leider sind sie auf Maltherlehen, das ist doch etwas weitläuftig, und doch stößt man auf lauter Berliner! –
Nun aber Addio, liebe Beiden. Lassen Sie bald von sich hören
Ihre
treu ergebene
Clara Schumann.

Ob wohl Eugenie an Sie geschrieben hat, und beim Schwabenwirth, oder in Ihrem Hause Unterkommen finden wird?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Schluderbach Südtirol
  Empfänger: Herzogenberg, Heinrich u. Elisabeth von (2429)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.15, S. 641ff.
 



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