19.12.2019

Briefe



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ID: 10948 Brieftext


Geschrieben am: Montag 24.09.1877
 

Lichtenthal bei Baden-Baden d. 24 Septbr. 1877.
Lieber Levi,
es verging kein Tag wo ich nicht daran dachte Ihnen zu schreiben, aber ich hatte außer vielen anderen Briefen, an die sechzig Geburtstagsbriefe und Thelegramme zu beantworten, und da habe ich denn erst erledigt, wo ich nur kleine Bogen nehmen konnte, d. h. kurz schreiben, und nun kommen die großen daran. Vor allem sag ich Ihnen den herzlichsten Dank für den lieben langen Brief und die schöne, interessante Gabe, obgleich ich freundschaftlich mahnen möchte, daß Sie sich das Schenken, bei mir wenigstens, abgewöhnen sollten. Ein lieber, langer Brief ist ja auch ein Geschenk, und eigentlich ein Größeres, als es nicht käuflich ist! – Ich freue mich aber doch von Herzen über das Buch, und drücke Ihnen die Hand dafür. An meinem Geburtstag war so ziemlich Alles, wie Sie es sich gedacht, nur Brahms war nicht da, er kam vier Tage später, hatte wohl nicht mehr auf den Kalender gesehen.
Elise feyerte aber, wohl zum letzten Male, den Tag mit uns, und Sie können denken, wie mich das wehmüthig stimmte, und doch bin ich über ihr Glück so von Herzen froh, und das Gefühl wird dadurch wohl sehr erhöht, daß ich selbst ihren Bräutigam so lieb habe. Wären sie nur in Europa, die Entfernung wirft einen großen Schatten in das Glück hinein! –
Sie Armer, was haben Sie für einen schweren Sommer gehabt – wenn Sie doch nun wirklich sich schonen und sich ganz auskurirten, aber ach, es wird wieder werden, wie früher, Sie werden rauchen, (thuen es gewiß schon wieder) Abends spät mit Freunden aufbleiben, nie spatzieren gehen u. s. w. Wie traurig ist das zu denken!
Bitte, sagen Sie mir nur durch eine Karte wie es ihnen jetzt geht, ob Sie wieder Ihre Thätigkeit begonnen haben? Brahms ist in guter Stimmung, sehr entzückt von seinem Sommer-Aufenthalt und hat, im Kopfe wenigstens, eine neue Symphonie in D dur fertig – den ersten Satz hat er aufgeschrieben – ganz elegischen Characters. Heute probirt Sarasate ein neues Concert von Bruch, – leider bin ich erkältet und kann nicht in die Probe.
Wir denken ernstlich daran nach Berlin zurückzukehren, da das Wetter gar zu unfreundlich ist, auch rücken mir die Concerte jetzt so nahe, daß es mir unheimlich wird.
Mitte Ocbr. gehe ich schon wieder auf Reise, Hamburg, Schwerin ect. dann Basel, Zürich, wo ich seit Jahren versprochen und nie gekommen war, dann Breslau, Leipzig u. s. w. Sie sehen ich denke wieder fleißig zu sein, habe übrigens trotzdem eine Menge Engagements abschlagen müssen – suche mir eben die Orte aus, wo ich gerne spiele, besonders mir liebe Freunde habe.
Felix ist mit uns hier – er wird nach dem südlichen Frankreich müssen, denn er verträgt doch durchaus keine kühle Luft. Eugenie ist ganz munter zu meiner großen Beruhigung, nimmt Marien, die leider sehr durch öftere Uebermüdungen angegriffen ist, so Manches ab, und so ist unser Leben ein stetes Schwanken zwischen Freud und Leid.
Sie wissen meine Adresse in Berlin 11 i. d. Zelten, bitte vergessen Sie nicht die Carte. Noch muß ich Ihnen in Bezug auf Ihre neuliche Anfrage wegen Concertirens in München, sagen, daß ich sehr gern ’mal wieder dort spielte, aber Sie begreifen gewiß, daß ich pecuniär, wie an anderen Orten, gesichert sein müßte, umsomehr als ich eben jetzt viel weniger Engagements annehmen kann, weil die Anstrengung eine immer größere für mich wird.
Ich würde übrigens erst nach Weihnachten können – nach England kann ich mich nicht entschließen, obgleich Chappel und meine Freunde mich drängen.
Entschuldigen Sie den zweiten halben Bogen und nun ein herzliches Lebewohl! Schönste Grüße von den Kindern.
Getreu Ihre
Clara Schumann.

Bis zum 30 Septbr hier, dann Berlin.

Note bene: wissen Sie nicht Sahr’s Adresse? ich dankte ihm neulich für eine Composition die er mir dedicirt, und erhielt den Brief v. d. Post zurück.
Fragen Sie auch Algeyer, ob er meine Dankesworte nach Ueberlingen erhalten hat?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Lichtenthal bei Baden-Baden
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
747-750
 



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