15.07.2019

Briefe



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ID: 11071 Brieftext


Geschrieben am: 03.10.1878
 

Frankfurth a/M. d. 3 Octbr. 1878.
Lieber Levi,
wie leid ist es mir daß ich Ihren Wunsch nicht erfüllen kann! überlegen Sie ’mal, ich müßte dann vom 21ten Octbr. bis 3 Nov. von hier abwesend sein! das sind 14 Tage! wie soll ich alle die Stunden nachgeben, das wäre eine Riesenarbeit für mich. Ich kann eher ’mal für einige Tage fort, als so lange hintereinander. So muß ich Sie denn zu meinem großen Leidwesen bitten nicht auf mich zu rechnen. Ich hatte mich schon herzlich auf die Tage gefreut! –
Lenbach lasse ich bitten das Bild, soweit er es ohne mich kann, fertig zu machen, und, braucht er mich noch, so müssen wir eben warten, bis ich, eher oder später, wieder nach München komme. Es ist mir recht leid daß nun Alles so gekommen.
Gestern Abend kehrte ich von Hamburg zurück, und ist es mir sehr gut dort gegangen, ich war sehr gefeyert im Concert
meine Cadenzen brachten mir das allgemeine Lob der Musiker, was mich besonders freute., und hatte außerdem die Freude Gade u Verhulst nach langer Zeit ’mal wieder zu sehen. Johannes war auch da, und haben wir einige sehr gemüthliche Stunden zusammen verlebt; seine Symphonie war, wie in Düsseld., die Krone des Festes. Er hat mir den ersten Satz eines Violinconcertes gezeigt, Joachim hat es mir auch ein mal gespielt, Sie können sich wohl denken daß es ein Concert ist, wo sich das Orchester mit dem Solisten ganz und gar verschmilzt, die Stimmung in dem Satze ist der in der zweiten Symphonie sehr ähnlich, auch D dur. Sie hatten sich doch Brahms’ Günste nicht abgeschrieben? er sagte mir, daß sie noch nicht fertig seyen ect. –
Haben Sie nicht vielleicht in den Stücken ein Blatt mit Terzen-Tonleitern gefunden? ich finde es gar nicht, freilich ist auch noch ein Chaos in meinen Notenschränken. Gestern Nacht habe ich zum ersten Male hier geschlafen – Marie hatte mir Alles reizend eingerichtet, und ich kam auch recht gestärkten Muthes zurück, hier aber tritt die Sorge um Felix und Eugenie, die ihn nun pflegt, wieder recht schwer an mich heran, dazu habe ich zu thuen daß mir der Kopf schwirrt, heute allein 6 Schüler geprüft, wo ich wahrhaft entsetzt wieder war, was für schlechter Unterricht oft in den Konservatorien gegeben wird. –
Felix liegt nun schon seit 10 Tagen zu Bett, er läßt Eugenie keinen Augenblick von sich, die ganz aufopfernd für ihn sorgt, so daß es mich innig rührt, aber auch ängstigt. Zu meiner Beruhigung, in etwas wenigstens, hat er immer das Fenster offen, so daß wenigstens frische Luft in seinem Zimmer ist. Der Arzt hofft wenig, wie mir Marie heute sagte, Felix ist so entsetzlich matt. Ach, wie schwer ist das, aber, ich muß mich aufraffen, und darf meiner Marie, die so schreckliche Zeit der Arbeit gehabt, das Leben nicht auch noch schwer machen.
Nun Adieu lieber Freund. Grüßen Sie den verehrten Lenbach, Ihre Freundin Frau Eller, die hoffentlich ganz geheilt zurückgekehrt ist, und lassen Sie bald von sich hören
Ihrer alten Clara Schumann.

Nota bene, wo bleiben die Tischchen, die Sie uns bestellen wollten, wir brauchen sie so sehr nöthig.
Marie grüßt herzlich.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 773ff.
 



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