15.07.2019

Briefe



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ID: 11160 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 23.04.1879 bis: 24.04.1879
 

Frkf. a/m d. 23 April 79.
Lieber Levi,
wo fange ich eigentlich an auf Ihren letzten lieben Brief? fürerst Dank für Alles, für Ihre Theilnahme vor allem. Sie glauben nicht, wie wohlthuend mir Diese ist, und bei Ihnen fühle ich so durch, da sie wahrhaft ist, daß Ihr Empfinden Sie drängt zu mir tröstende Worte zu sprechen.
Ich habe, trotz aller Anstrengung, gegen die Schwäche anzukämpfen doch recht schwere Wochen durchlebt, denn nicht nur die Trauer um das Verlorene drückt mich zu Boden, sondern auch die Furcht und Sorge um das, was ich noch besitze; mir erschien Alles, Kinder, Freunde, tief in Wolken gehüllt, und ich meinte nicht aufathmen zu können. Jetzt seit einer Woche geht es aber besser, ich habe mit mir gehadert, gekämpft, und, was mich schließlich herausriß, war wieder die Liebe, die Liebe und das Pflichtgefühl für meine mich umgebenden Kinder, die, wenn ich dem Trübsinn mich hingebe, mit leiden, und, das sollen sie nicht. Viel hilft mir jetzt auch die viele Arbeit, ich mußte einige Privatstunden annehmen, und ist mein ganzer Tag besetzt mit allerlei Beschäfftigungen. Freilich an die Briefe ect. komme ich nun wieder jetzt nicht, ich habe aber Jemanden im Vorschlag, der mir alles von meinem Manne gern copieren würde, u. zwar in meinem Zimmer, was mir doch lieber ist, als wenn ich die Sachen aus der Hand geben soll; für unglückliche Zufälle kann doch Niemand verantwortlich sein. Haben Sie Dank, daß Sie mir so ausführlich die Briefe notirten, die so interessant sind, und die ich noch lange nicht gefunden hätte. Hätte ich nur mehr Zeit, aber ich kann nicht Alles ermachen, theils sind die Tage zu kurz, theils aber habe ich auch nicht die Krafft unausgesetzt mich zu beschäfftigen, wie ich es früher wohl konnte. Ich gehe Morgens v. d. Frühstück ½ Stunde spatzieren, nach den Stunden v. 1–2 ebenfalls, wobei ich Besuche, Commissionen ect. abmache, dann habe ich (Verzeihung für dies) um 4 Uhr Stunde, um 5–6½ Sprechstunde, nun sagen Sie selbst, was für Zeit mir bleibt? welche Correspondenz immer mit Härtels und Brahms wegen der Gesammtausgabe v. Schumann und all die andere Correspondenz! das geht fort und fort, und, selbst spielen muß ich doch auch!
Den halben 2ten Stock haben wir an eine Dame vermiethet die sehr angenehm sein soll (sie zieht am 1 Mai ein), und Felixens Zimmer zu einem Fremdenzimmer eingerichtet. Wir haben die Tapete herabwaschen und Alles neu tapetzieren lassen, weil wir ängstlich waren. Das Zimmer ist sehr behaglich, u. mir dadurch, daß Brahms es mehre Wochen bewohnte, auch Volklands Beide, wieder zugänglich geworden, denn, bis es wieder bewohnt war, konnte ich nicht hinein gehen.
Nun sagen Sie mir aber in aller Welt, was aus meinen Portraits von Lenbach geworden? es ist eigentlich tragisch für uns, wie wir immer hoffen, und immer vergeblich! so lange kann doch Lenbach nicht an Bismarck arbeiten? Ihm selbst zu schreiben kann ich mich nicht entschließen, denn, ich möchte ihn nicht gern drängen, aber lassen Sie doch ’mal ein Wörtchen von uns einfließen, und suchen Sie sein Herz für meine Kinder zu rühren.
Notabene. Herr Glasenapp aus Riga schrieb mir neulich und bat, ich möchte ihm für Frau Wagner die Briefe Wagners an meinen Mann schicken, da sie sie gern sammeln möchte. Ich antwortete, ich wolle sie copieren lassen und dann Ihnen,als mir und Wagners Befreundeten, übergeben zur Uebergabe an Frau Wagner. Da schrieb er abermals, sie wünsche nicht Copien sondern die Originale. Ich weiß nicht, ob es viele Briefe sind, aber meine Kinder wollen doch Jedes einen Brief i. d. Originalhandsch. besitzen, Diese lasse ich dann also doch copieren. Jedenfalls will ich dann aber auch die Briefe meines Mannes an Wagner haben, und nun wollte ich Sie fragen, ob Sie den Austausch vermitteln mögen und können?
Recht ärgerlich bin ich doch auf Hanfstaengl geworden. Ich schrieb ihm neulich, wieviel für mich (ich wollte einige Exemplare für Elise, Ferd. meine Brüder Bargiel und Wieck haben) ein solches großes Bild kosten würde, und er verlangte 18 M.8 Ein Jeder sagt mir nun, daß er viel mit den Bildern verdient, von mir eigentlich niemals Etwas nehmen müßte, und um so weniger, als ich ihm die Zeichnung von meinem Manne f. seine Gallerie zur Abnahme überließ, diese Photographien er also auch verkauft. Ich habe ihm geantwortet, daß ich ihm seinerzeit mittheilen würde, wenn ich große Bilder wünschte, habe es aber natürlich um den Preis unterlassen.
Hätte er mir die Hälfte des Verkaufspreises, also 10 M. berechnet, so hätte ich kein Wort darum verloren. Ich theile es Ihnen mit, weil ich gern von Ihnen erführe, ob ich recht habe oder nicht.
Das Pfeifchen haben Sie erhalten, nicht wahr? ein Bild lege ich hier bei.
Denken Sie Stockh. hat Raff gekündigt auf einen Brief, den Dieser an ihn, nach mancherlei Streitigkeiten, geschrieben. Ich gebe mir alle Mühe Raff zu vermögen, daß er einige Beleidigungen, die er ihm in dem Briefe angethan, zurücknimmt, es wäre ja schrecklich ginge St. jetzt, nach kaum einem Jahre, ab. Sprechen ließe sich darüber Manches, aber schreiben lieber nicht. Ich erwarte in etwa 14 Tag Frl. List bei mir, Dieser will ich Alles erzählen für Sie besonders, da es Sie gewiß interessirt.
D. 24 Gestern kam ich nicht zum Schluß, und jetzt, wo ich mein Gestriges wieder durchlese, erschrecke ich, wie, ausführlich ich, namentlich in Bezug auf mich selbst war, was doch sonst nicht mein Fehler ist. Mir war aber als säßen Sie am Schreibtisch neben mir, und wir plauderten, wie manchmal! –
Neulich zu Dietrichs Oper hofften wir ’mal leise, Sie kämen vielleicht im Auftrage Perfalls, aber, es war nichts. Die Oper war 2 mal recht warm aufgenommen, es sind reizende Sachen darin, geschickt gemischt nur etwas monoton instrumentirt, im 2ten Act einiges ganz besonders hübsch, aber, das Textbuch ist doch schrecklich. Für den Robin Hood interessirt man sich erst am Schluß der Oper, wo er endlich männlich handelt. Das ist schlimm. Es wäre mir sehr leid für Dietrich hätten Sie am Ende doch Recht gehabt! – Die ganze Familie war hier, in einer Aufregung Alle, die furchtbar war. Frau und Tochter sind aber reizende Menschen! –
Brahms Violinconcert hat mir einige wahrhaft genußreiche Stunden verschafft; er hatte den Clavierauszug mir geschickt, und Heermann spielte es mehrmals. Besonders entzückt mich der I u. IIIte Satz. Das Adagio ist fein gemacht, aber, es erwärmt mich nicht wie die anderen Sätze.
Nun aber, leben Sie endlich wohl! Die Kinder grüßen schönstens. Gedenken Sie bald ’mal wieder schwarz auf weiß Ihrer
alt ergbenen Clara Schumann.

Devrient arbeitet am Nachlaß seines Vaters. Der Arme!!!
Devrient arbeitet jetzt am Nachlaß seines Vaters, der Prozeß soll beginnen, der Mann dauert mich entsetzlich. Frank giebt einige Stunden – ich glaube, er bereut doch! er war zu schnell, nicht bedacht genug in seinen Ausdrücken.
Gruß an Frau Eller, Lenbach u Allgeyer!

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 793-796
 



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