19.12.2019

Briefe



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ID: 11177 Brieftext


Geschrieben am: Montag 12.05.1879
 

Frankfurt a/m d. 12ten Mai 79.
Lieber Levi!
Heute nur Dank für Ihren lieben langen Brief u Antwort auf einiges Nöthige.
Ihre Verzögerung in der Angelegenheit des Herrn v. Baelen finde ich nun wieder einmal recht bummelig; ich gehe Anfang Juni hier fort und dann wäre – den ganzen Sommer – keine Möglichkeit mehr, dass ich seine Tochter prüfen könnte. Mir fällt aber eben ein, dass es besser ist, sie kommt erst zur Prüfungszeit Mitte Sept., wo ich in diesem Jahre auch wieder hier sein will. Herr v. B. scheint vorauszusetzen, dass ich sie nehme. Ist sie so talentvoll? Der Mann ist doch eigentlich recht dumm, weiss mich Monate lang in Baden, u. es fällt ihm nie ein, mich ’mal über seine Tochter zu befragen. Sagen Sie ihm, dass ich sie in meine Classe nur aufnehmen kann, wenn sie schon weit voran ist; es haben sich einige sehr talentvolle gemeldet, die ich natürlich zuerst berücksichtige. Junge Mädchen bei mir aufzunehmen, daran denke ich nicht, könnte es auch gar nicht, da die zweite Etage vermiethtet ist u. zwar an eine Dame, mit der wir weiter garnichts zu thun haben, sie hat ihre eigenen Möbel, kocht sich selbst u. heisst Charlotte Hiepe aus Wetzlar. sehr respectable Person – hat gute Bekanntschaften hier. Wir wissen aber einige sehr gute Unterkommen, wo auch andere meiner Schülerinnen wohnen u. wohnen werden. Hier sind die Adressen, die Sie Herrn v. B. schicken können:
Frau Hagedorn, 43 Schnurgasse. Frau Friederheitsmann, kleine Wiesenau 8; Frau Vorster, Zimmerweg 8.
Am besten H. v. B. sucht sich hier selbst ein Unterkommen f. s. Tochter aber bald.
Ueber Lenbach bin ich, obgleich ich mir wenig Hoffnung gemacht hatte, doch bestürzt, denn ich sehe aus Ihren Zeilen, dass er noch nichts gemacht hat, als die Skizze. Dass er mich so betrügen könnte, hätte ich nicht geglaubt. Drängen Sie ihn nicht wegen der Skizze; meine Kinder gedulden sich lieber, bis er es wirklich ’mal fertig macht! Ich hätte es nun freilich auch gern noch bei Lebzeiten mal gesehen.
Wegen meines Kommen nach München, würde ich die Zeit vom 27ten Dec. bis 3ten Jan. vorschlagen. Was halten Sie davon? Schreiben Sie mir darüber, denn ich habe so viel Anfragen, dass ich mir bald einen Plan machen muss.
Sehr leid thut mir, dass Sie Ihre Ferienzeit so anwenden, dass wir Sie wohl kaum sehen werden. Ich werde zwischen 20 Juni u. 20 Juli wohl in Kiel sein, wir sehen Sie aber, hoffe ich, jedenfalls auf der Reise nach u. von Gastein.
Vieles gäbe es noch zu Plaudern, aber ich muss meinen Secretair erlösen. Ueber Brahms sprechen wir mal mündlich.
In alter, treuer Gesinnung
Ihre
Clara Schumann

N. B. Frank giebt einige Stunden, möchte wohl gern nach Hannover, da er gehört, dass Bülow wieder recht leidend sei; jedoch, schreiben kann er nicht deshalb, u. ich glaube,er macht sich leider doch Sorgen. Devrient soll wieder Aussichten haben, aber es darf auch nicht darüber gesprochen werden. Ihre Alleinherrschaft werden Sie schliesslich doch wohl ’mal aufgeben müssen! es geht doch nicht so auf die Länge! Denken Sie Mrs Pringl. treibt sich hier herum, bettelt alle Leute förmlich, daß sie sich f. ihre geniale Tochter interessiren möchten, die, weil sie solch ein Genie, überall angefeindet würde. Sie erzählt mir, Frau Vogel hätte sie nicht aufkommen lassen, da habe ich aber ihr gesagt, sie möchte sich doch nicht lächerlich machen, und so etwas sagen, Frau Vogel sey eine Künstlerin die Ihresgleichen jetzt nicht habe, und Diese solle auf eine Anfängerin (talentlos habe ich nicht gesagt aber gedacht) eifersüchtig sein?!!! –

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
803ff.
 



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