15.07.2019

Briefe



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ID: 11551 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 22.06.1882
 

Frankf. a/m d. 22 Juni 1882.

Lieber Herzogenberg

ich darf wohl so anfangen? Dank’ für Ihre Sendungen, Correctur u. Zeichnung. Das Buffet finden wir bis auf die kleinen Kasten oben, sehr hübsch, aber ich finde, wir haben so viel Ausgaben jetzt, daß wir uns mit Luxus-Artikeln beschränken müssen. Später wollen wir ’mal wieder dran denken, vielleicht nächstes Jahr! darf ich die Zeichnung behalten? Ihr Vorschlag wegen der Begleitung zu dem letzten (6stimm. Lied) ist gewiß sehr richtig, aber, da ich bei der ganzen Ausgabe mir es zum Gesetz gemacht habe, nie etwas zu ändern, so darf ich das doch auch nicht thuen. Ich denke wenn Einer das einstudiert (wer es thut) wird leicht nachhelfen und am Clavier unterstützen. Bei uns sieht es jetzt gerade zu gräulich aus, von oben bis unten Arbeiter aller Art, ein Gerüste bis oben herauf, das nun schon 14 Tage steht und wohl unter 3 Wochen nicht wieder herunter kömmt. Dazu kommt meine Angst vor Einbruch in der Nacht, dann verfolgt mich der Gedanke, daß Einer ’mal von oben herunter stürtzen könnte, das wäre doch entsetzlich, ich male mir das in schlaflosen Nächten aus. Ach, wenn ich doch ein wenig mehr leichten Sinn mir aneignen könnte! Jansen’s Schrifft6 habe ich zum großen Theil mit vielem Interesse gelesen, finde jedoch, besonders in den Biographieen der einzelnen Freunde Roberts <>Längen, dann auch Manches erzählt, das für die junge Generation, und auf Diese ist das Werk doch hauptsächlich berechnet, zu wenig Interesse hat; persönliche Beziehungen sind, scheint mir, doch nur für die Gegenwart und allernächste Zukunft. Aber, mit größter Hingebung ist es geschrieben, und nur ein paar Aeußerungen darin, die mir nicht ganz tactvoll erscheinen. Damit ist es doch eine sonderbare Sache – warum haben so wenig Menschen das richtige Gefühl in solchen Dingen? – Ich will mir diesen Sommer noch ’mal meines Roberts Briefe mitnehmen, und selbst ’mal Auszüge daraus zu machen suchen – wäre das Lesen der Briefe nur nicht so gar erregend für mich! ich lebe, so lange ich das thue <wie> <in>ein Traum-Leben, und mein ganzes Seyn ist die Zeit über so von allen Jugend-Erlebnissen, von all der Liebe umflossen, daß die Wirklichkeit mich förmlich schmerzhaft berührt, und es mir stets die größte Mühe verursacht mich in die Gegenwart zu versetzen. So ging es mir vor 2 Jahren. Ob mein Herz jetzt ruhiger schlägt? ich will es versuchen. Sie führen mit Ihrer Geliebten ein so ideales Leben, Eines aufgehend in dem Anderen, Sie verstehen daher das Meinige, Entschwundene, und begreifen, wie mein Herz verwundbar ist, und wie <>ich im Lesen solcher Briefe mein ganzes Liebe-Leben wieder durchlebe<>. Ich denke, wir kommen am 10t July fort, f. d. 13<>t habe ich in Gastein Logie. Eugenie u. Fillu gehen, hoffe ich, in die Schweiz, vielleicht nach Wengen; wir dachten nach Gastein auch nach Grindelwald ’mal wieder zu gehen und uns dann dort zu treffen. – Lassen Sie uns ab und zu eine Karte haben, (Adresse sicher immer hier), und seyen Sie beiden lieben Freunde innigst gegrüßt von Ihrer Clara Schumann.

Marie u Eug. u Fillu grüßen herzlichst.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Heinrich u. Elisabeth von (2429)
  Empfangsort:
  SBE: II.15, S. 492ff.
 



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