19.12.2019

Briefe



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ID: 11575 Brieftext


Geschrieben am: Montag 06.07.1885
 

Wildbad-Gastein d. 6 July 1885
bei Frau Windischbauer.

Lieber Joachim,

zum ersten Male seit vielen Jahren habe ich an Ihrem Geburtstag mit meinen herzlichen Wünschen gefehlt. Ich war außer mir als, ich es bemerkte, aber der Umstand, daß wir gerade an dem Tage von Frankfurt hierher abreisten, spricht vielleicht etwas entschuldigend für mich, besonders aber der unglückliche Zufall, daß wir von hier am 25ten Juni eine Depesche erhielten, nach welcher wir das Logie das wir z. 8ten Juli bestellt, nur haben konnten, wenn wir schon z. Iten da seyen. So packten wir denn in wahrer Hetze unsere tausend Dinge ein, und, darüber, und über alles sonst Nöthige im Hause, verloren wir fast den Kopf, aber das Herz nicht, das wissen Sie. Sie wissen, wenn ich es auch ’mal an dem bestimmten Tage nicht sage, ich doch bei jedem Gedanken an Sie einen treuen Wunsch hege. So nehmen Sie denn den verspäteten Wunsch darum nicht weniger freundlich auf! Ich denke jetzt doch mit leichterem Herzen an Sie, und hoffe, daß Sie nach und nach wieder zu innerlicher Ruhe kommen werden. Nur nehmen Sie sich die momentanen Verstimmungen <> nicht gar zu sehr zu Herzen. Sind Sie nun eigentlich mit Ihrer Frau ganz im Klaren über Alles? ist es vom Gericht entschieden, daß Sie die Söhne behalten? ich höre so oft das Gegentheil, Sie selbst haben mir nie Bestimmtes gesagt. Und wie steht es mit dem Pecuniären – Sie richten sich doch ganz nach dem, was das Gesetz bestimmt? Bitte, lieber Freund, sagen Sie mir ’mal Genaues, Sie wissen, daß es nicht Neugier ist, wenn ich frage, sondern ein Freundschaftsgefühl, das keine Zeit und keine Umstände von Außen zu verringern im Stande sind. Wie oft haben wir schon gedacht, wenn Sie doch jetzt auch zur Cur hier wären! ich entschloß mich eigentlich nur dazu, um ’mal wieder etwas zu thuen, obgleich wir fast der Ueberzeugung sind, daß es wenig nützt. Für uns ist der Aufenthalt entsetzlich, da wir Niemanden kennen, auch nur zu Zweien hier sind, wo der Redestoff doch oft ausgeht. Spatzieren gehen kann ich nur wenig, sitzen im Freien ist bei dem täglichen Regen gefährlich, also nur mit größter Vorsicht zu thuen, Arbeiten soll man nicht viel – wie lang ist solch ein Tag! – Ich werde Gott danken wenn wir am 22ten nach unserem schönen Obersalzberg abfahren. Sagen Sie mir doch etwas von Ihren Plänen. Dürfen wir uns wohl auf einen Besuch von Ihnen freuen? sind Ihre lieben Söhne jetzt bei Ihnen? wenn verlassen Sie Berlin? wie geht es Frau v. Beulwitz und Levy’s? meine Eugenie ist diesen Sommer nicht mit uns, sie will ’mal ein schönes Plätzchen in der Schweiz mit Fillu suchen. Sie hatte nach dem schlimmen Winter so sehr das Bedürfniß nicht mit mir zu sein – unsere Naturen sind so leicht <erreg> erregbare, und bei jedem kleinen Anlaß sorgt sich Eines um das Andere, was für Eugeniens zarte Constitution nicht gut ist – sie soll sich nun ’mal recht ausruhen. Wollen Sie mir ’mal rechte Freude machen, so widmen Sie mir bald eine halbe Stunde und beantworten Sie mir alle meine Fragen. Bis 22ten sind wir hier, dann in Obersalzberg bei Berchtesgaden Pension Moritz. Grüßen Sie Alle, die um Sie sind, herzlich, auch die lieben Levy’s, und erhalten Sie im neuen Jahre die alte Freundschaft
Ihrer
Clara Sch.

Marie sendet auch herzliche Wünsche und Grüße.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Wildbad-Gastein
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1283ff
 



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