15.07.2019

Briefe



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ID: 11586 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 05.10.1882
 

Frankf. a/m d. 5 Octbr. 82
Liebste Marie,
heute schiffen Sie sich ein, meine Gedanken sind bei Ihnen, gebe der Himmel Ihnen eine gute Ueberfahrt, und daß diese Zeilen Sie wohl antreffen mit Ihrem lieben Manne. Tausend Dank für alle Liebe, die Sie Beide mit Ihren herzlichen Worten zum Geburtstag mir wieder so wohlthuend empfinden ließen, bitte, danken Sie Ihrem Manne recht ordentlich von mir, und, was soll ich zu der schönen Arbeit sagen? entzückend ist die Decke, und haben Sie sie auch nicht selbst gearbeitet, Ihr lieber Blick hat darauf geruht – Sie haben sie doch für mich ausgesucht! – Ich kann Ihnen nicht sagen, wie leid es mir ist Sie jetzt nicht hier zu wissen. Sehen wir Sie auch selten, wenn Sie hier sind, so ist mir der Gedanke an Ihre Anwesenheit immer so ein heimisches Gefühl. Kommen Sie nur bald zurück, liebe Freundin. Ich bin sehr begierig wenn Sie uns erst von Allem, besonders auch von Elise u Kindern erzählen werden, hoffentlich gestalten sich auch sonst die geschäfftlichen Angelegenheiten nach Ihrem Wunsche.
Von uns, d. h. von mir, kann ich Ihnen nicht viel Gutes sagen, ich habe mehr Rheumatismus denn je, er springt unaufhörlich in meinen Körper herum, dann bin ich auch so erkältet, habe einen constanten Schnupfen im Kopf, so daß ich recht schlecht höre, schon den ganzen miserablen Sommer. Es war doch entsetzlich das Regnen! natürlich hat es uns sehr den Aufenthalt in Italien getrübt, wir konnten nur zuweilen dem Himmel einen Ausflug abtrotzen. In Bellagio hatten wir aber erst 8 schöne Tage, die wir auch sehr genossen. Venedig hat mich ganz bezaubert, ich meinte immer in einer anderen Welt zu sein, mitten in einem Mährchen! Stürme haben wir dort aber erlebt, die furchtbar waren. Denken Sie unser Zug von Bellagio nach Venedig war der letzte, Tags darauf wurde die Brücke bei Verona weggeschwemmt, und ich bin überzeugt daß wir schon mit Lebensgefahr darüber gefahren sind, denn wir bemerkten schon daß das Wasser kaum mehr unter den Pfeilern durch konnte. Wie schrecklich dieser Gedanke! –
Jetzt sind wir hier nun schon im alten Geleise, etwas schwer wurde es uns nach dem langen Bummelleben, obgleich wir uns nach der Thätigkeit gesehnt haben. Wir mußten von Venedig über Wien zurück. Mündlich erzähle ich Ihnen meine Aengste, die ich diesen Sommer durchgemacht, es wird Sie besonders unsere Ankunft in Venedig, amüsiren.
Eugenie ist der Sommer recht gut bekommen, sie sieht so wohl wie nie aus, auch Marie geht es gut, ich fürchte nur, es wird nicht lange dauern! – An Concertiren kann ich noch nicht denken, bin aber überfluthet von Engagements u Anträgen, was mir immer Schmerzen macht, weil ich einstweilen doch Alles abschlagen muß.
Leben Sie wohl mit Ihrem lieben Manne. Wir Alle grüßen Sie herzlichst und ich umarme Sie in treuer
Freundschaft,
als Ihre
Clara Schumann

via England.
Countess
Marie de Oriola
Care of Mr Sommerhoff
54 Exchange Place
New-York.
America.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Oriola, Marie von, geb. Christ, verh. Berna (2699)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 536ff.
 



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