20.11.2018

Briefe



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ID: 11863 Brieftext


Geschrieben am: 27.10.1884
 

Frankfurt a/m d. 27 Oct. 84.

Meine liebe Lisl!

Das war ja ein inhaltsreicher Brief, der mir diesen Morgen von Ihnen kam! Wie wußten Sie zum Leide auch Freude in die Wagschaale zu legen! Ich hoffe aber, daß wir das Leid nur jetzt zu tragen haben, u. Sie uns im Frühjahr schadlos dafür halten. Sie sind doch von ersten Mai ab frei u. könnten dann, bevor Sie in Ihr neues „Heim“ gehen, einen Monat zu uns kommen. Wir würden für den Fall Florenz aufgeben, denn uns liegt ja die Sache mit den Briefen gar so sehr am Herzen. Überlegen Sie das mal mit dem lieben Manne u. sagen Sie ihm, daß ich ihn nicht mehr freigäbe. Natürlich laß ich ihm die Briefe sehr gern zur Sondirung alles Überflüssigen. Denn das bringt die ganze Arbeit schon um ein gutes Stück vorwärts. Ich würde sagen, wir wollten uns am Königssee Rendez-vous geben, aber da würde uns zu Vieles von dem Material fehlen, was ich unmöglich mit auf Reisen nehmen kann. Die Geschichte mit Berlin ist ja etwas unbegreiflich u. da hat sich unser guter Freund Joachim doch wohl etwas übereilt, denn er hat Sie in Aufregung versetzt, die später, wenn es wirklich so weit ist, auch noch früh genug gekommen wäre. Mein Secretär muß fort, ich fahre daher selbst mit diesen Zeilen fort. Wie freudig uns Hildebrand’s Vorschlag erregt, brauche ich Ihnen wohl kaum zu sagen, die Kinder haben es sich ja immer gewünscht, aber, zaghaft bin ich doch auch. Ich bin doch eigentlich jetzt zu alt dazu, und fürchte so sehr Hildebrand findet sich getäuscht in mir, so wie ich auch glaube, daß das bei Lenbach der Fall war – mein altes Gesicht interressirte ihn doch weniger, als er gedacht, dazu machte ich es ihm noch schwer, freilich ohne meine Schuld! – Aber, dennoch, hat H. wirklich Lust dazu, so wollen wir hier Alles einrichten, wie es ihm bequem ist. Glauben Sie, daß wir ihm unsere bürgerliche Häuslichkeit anbieten dürfen? Sie wissen, wir sind einfache Leute, und vielleicht ist er verwöhnt? – Nun ist aber die Frage: würde ihm unser Fremdenzimmer (nach Westen gelegen) zur Arbeit passen? (Verzeihung f. d. halben Bogen.) Sie wissen, wir haben nur Zimmer nach Osten u. Westen. Dann kann ich überhaupt nur Vormittags <>etwa zwei Stunden ihm mich widmen, außerdem ist meine Zeit von Morgens bis Abends besetzt, und Abends kann er ja nicht arbeiten, nicht wahr? ferner, um Alles klar zu legen, (Sie wissen, ich habe leider gar nichts von genialer Leichtlebigkeit) welche Bedingungen würde er machen? darüber müßten wir doch einig sein, sonst quält man sich mit Rücksichten u. Zweifeln. Die beste Zeit wäre wohl von Weihnachten bis Neujahr, da haben wir Ferien in der Schule, aber das wird ihm nicht passen, oder, glauben Sie, daß er im Januar könnte? oder auch von Mitte Nov. bis Ende Nov. Am Ende paßte ihm die Zeit vor Dec. am besten, und das wäre auch für uns bequem. – Ist H., (im Vertrauen gefragt), gesellig? würde er gern Bekanntschaften machen? denn es wäre doch gar monoton für ihn, wäre er hier nur auf uns angewiesen, das würde uns drücken. Liebste, das frage ich Sie Alles ganz unter uns, Sie kennen ihn, und erzählen mir Einiges <>Nähere von ihm falls die Sache zu Stande käme. wir möchten ihm den Aufenthalt doch angenehm machen, so viel wir es können. Für Verschieben bis Florenz bin ich nicht, offen gestanden, in meinem Alter verschiebt man nicht gern. Fühlte ich mich z. B. nicht wohl, so reiste ich nicht, und, wie leicht kommt mir etwas angeflogen – bin ich auch im Ganzen gesund, so bin ich doch keine Stunde sicher vor kleinen Leiden, die mich dann aber doch quälen. Auch bin ich jetzt noch nicht so abgespannt von der Arbeit, wie später, und, Abspannung macht mein Gesicht gleich um vieles häßlicher. Ich glaube nun habe ich Alles gesagt, vielleicht noch nicht genug betont, welche Freude uns Hildebrand’s Anerbieten macht, und wie ich doch nur zu gern alle Bedenken in den Hintergrund schiebe. Wollen Sie ihm nun wohl Einiges mittheilen, und seine Meinung einholen? Wir copieren jetzt täglich aus den Briefen Roberts an mich und finden Herrlichstes – ich bin immer ganz bewegt, und, es greift mich oft sehr an, aber, geschehen muß es, und so bitte ich Sie auch den Kindern nichts davon zu sagen. Ich lebe aber Alles wieder durch, u. empfinde es so stark wie je in jungen Jahren. Die Verhältnisse mit Kirchner sind ja sehr traurig, ach, überhaupt hört man so viel Trauriges, es ist entsetzlich. Ich bin manchmal ganz <> niedergedrückt, <>und gerade jetzt tritt so Manches recht nahe an mich heran. Ich will Ihnen keine Details erzählen – vielleicht einmal mündlich. Mit Leipzig bin ich begierig das Nähere zu erfahren. Ich kann mir es noch gar nicht denken, daß ich hinkomme, habe förmliche Angst vor Concertreisen, eben wegen mancher Leiden, die, sind sie auch klein, mich doch hindern würden, stellten sie sich ein. Die kalten Abreibungen des Morgens bekommen mir aber gut, u. die rheumatischen Anfälle sind weniger heftig als früher. Müßte ich nur nicht aussetzen, wenn ich reise, das ist schlimm. Doch, Liebste, ich plaudere, habe doch eigentlich so wenig Zeit dazu! – Wie sehr freue ich mich aber auf einige trauliche Stunden mit Ihnen in Leipzig! wenn es nur Frege nicht gar zu schlecht geht? sein Magenleiden soll doch Livia große Sorge machen. Das zu sehen, drückt dann schwer auf mir. In meiner nächsten Bekanntschaft hier sieht es schlimm aus, und in Cöln geht es dem armen Hiller sehr schlecht; er leidet unsäglich, seine Tochter sagt mir aber es könne noch lange dauern. Ach, es ist so schwer, da frey aufzuathmen, und, welches Glück, daß man durch Thätigkeit abgezogen wird. Leben Sie mit Ihrem theueren Manne wohl, u. sagen Sie Hildebrand von unserer Freude, recht warm, wie Sie es so schön können. In treuer Freundschaft Ihre Clara Schumann.

Privatim: Bitte sagen Sie Hildebrand nur von meiner Freude, die kleinlichen Bedenken habe ich nur der Freundin ausgeschüttet.

  Absender: Schumann, Clara, geb. Wieck, Clara (3153)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Heinrich u. Elisabeth von (2429)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.15, S. 546-549
 



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