19.12.2019

Briefe



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ID: 11868 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 02.11.1884
 

Frankf. d. 2 Nov. 1884.

Liebstes Lisl,

sehr erfreut sind wir (wenn auch ich immer unter Bangen) über die schöne Aussicht mit Hildebrand. Natürlich überlassen wir ihm gern das Fremdenzimmer zum Atelier, nur möchten wir dann noch wissen, ob die Arbeit viel Staub macht, denn alsdann würden wir Betten, u. A. aus dem Zimmer nehmen. Schlimm wäre das freilich für’s Clavier! Was glauben Sie nun aber, würde die Büste unser Familien-Eigenthum seyn? schreiben Sie mir bitte seine Adresse, ich muß ihm doch ’mal schreiben und will ihn dann noch Genaueres befragen. Eine große Schwierigkeit für mich würde aber die sein, wie ich täglich mehr als zwei Stunden für ihn herausschlagen soll – ich glaube, das wäre in Florenz leichter als in Frkf. bitte also um die Adresse. Ueber Kirchner muß ich Ihnen nun heute doch Einiges sagen, obgleich ich es ungern berühre. Ich thue es aber in tiefstem Vertrauen, liebste Lisl. Ich habe Kirchner zu Zeiten, wo er mich flehete ihn vor dem Untergang zu retten, (wo er z. B. sagte, „er wolle sich nun allen Ernstes eine ordentliche Existens schaffen, wenn er sich nur erst ’mal von Schulden losgeeist hätte“, dann wieder, „er wolle bei Lachner in Mannheim dirigiren lernen, um in Zürich als Musikdirector wirken zu können, dazu brauche er aber Geld“, und so zu verschiedenen Malen) viel Geld gegeben, weil ich in meinem einfältigen Herzen wirklich glaubte, ein gutes Werk zu thuen, und das war zu Zeiten, wo ich noch sehr angestrengt f. meine Kinder die Alle klein waren, arbeitete. Er nahm das Geld, und – verspielte es!!! und als ich kein Geld mehr gab, wie hat er sich dann benommen! ich will Ihnen diese Details nicht erzählen, erspare sie Ihnen und mir selbst. Es läge mir aber doch fern, einem Menschen, wenn er mich auch noch so sehr beleidigt, nicht helfen zu wollen, wenn er in Noth ist, und, ich es könnte. Aber die Verpflichtungen in meiner Familie, bei meinem Sohne anzufangen, dann bei armen Verwandten mit jährlichen Unterstützungen, nicht zu erwähnen der vielen sonstigen Anforderungen, die von Außen an mich kommen, sind der Art groß, und steigern sich so von Jahr zu Jahr, während sich doch meine Einnahmen verringern, da ich mich mit concertiren nicht mehr so anstrengen darf, daß ich mir eine Schranke setzen muß. Ich sende Ihnen, weil ich mich doch gerne betheilige, wenn Sie Etwas unternehmen, 100 Mark, aber ich bitte, daß mein Name nicht genannt werde. Leute, an die Sie eine Aufforderung schicken könnten, wären vielleicht Frau Commerzienräthin Wendelstadt in Godesberg u. Frau Commerzienräthin Julie Deichmann in Cöln, Maccabäer-Strasse – Diese Beiden haben früher viel und gut Clavier gespielt, u. gern von Kirchner u. sind reich – sollten mir noch Welche einfallen, schreibe ich es Ihnen, aber auch da bitte ich, daß meiner nicht erwähnt werde bei Sendung einer Aufforderung. Nun eine Bitte: lassen Sie mir von Berchtesg. die Lampe wieder schicken – ich will einen Tausch machen, und liegt mir viel daran sie wieder zu haben. Ich habe mich damals, als ich sie besorgte, übereilt, weil ich gern wollte, daß Sie sie noch empfingen, hatte in München wo ich sicher das Gewünschte zu finden hoffte, nichts gefunden, u. erhielt hier eine andere Lampe, als die ich bestellt hatte – wie gesagt, die Eile hat mich kopflos gemacht. Also, bitte, lassen Sie sie per gewöhnl Fracht unfrankirt hierher zurück gehen, und adressiren Sie: An die Herrn Jaquet u Sohn, theilen mir aber mit, wenn es geschehen, damit ich das Geschäft davon benachrichtige. Bitte, Liebe, thuen Sie mir den Gefallen, sonst dinge ich einen Räuber in Berchtesgaden!!! An Limburger habe ich wegen der Concerte geschrieben, er hatte mir, wie ich bei Nachlesung seines Briefes sehe, von mehreren Concerten geschrieben, d. h. von Zweien vor dem Solisten-Concert. Im Vierten müssen doch die Leute halb todt sein – was soll ich nur thuen? rathen Sie mir freundschaftlich! Wir lesen alle Tag in den Briefen Roberts, und mein Herz ist von Wonne u. Weh erfüllt; <> ich glaube Sie werden Manches mit großem Interresse lesen. Klar liegt der ganze herrliche Mensch mit seinem reichen Gemüth, seinen wunderbaren Gaben, vor Einem und Diesen nannte ich „mein“ und mußte ihn verlieren!! – Leben Sie wohl – an Ihren lieben Mann Dank für die Besorgung und herzlichsten Gruß.
Wärmsten Händedruck von Ihrer <>
Clara Schumann.

Bitte empfehlen Sie mich Ihrem verehrten Papa, und, wenn Sie schreiben, der lieben Mama.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
553ff.
 



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