15.07.2019

Briefe



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ID: 11967 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 09.09.1885
 

Obersalzberg d. 9 Septbr. 85.
Liebste Marie
wie lange wissen wir nichts von Ihnen! wo sind Sie? doch nicht mehr im Engadin? ich adressire meinen Gruß u. meine Bitte um ein Wort Nachricht nach Büdesheim, von wo Sie doch gewiß alle Briefe erhalten. Wir haben schöne Zeit hier oben wieder verlebt, blieben wohl gern länger, aber, wir müssen zurück, und zwar schon am 12t. Elise bat so sehr, daß wir d. 13t bei ihr sein möchten, dann kommt der Bildhauer Hildebrand nach Frankf. um dort am 15t mein Relief zu beginnen. Die Kinder hatten sich ein Solches längst schon, gerade von diesem genialen Künstler, gewünscht, und er selbst hatte mich schon vor Jahren gebeten ’mal nach Florenz zu kommen, wozu es aber ja leider nie kömmt. Nun war er neulich so freundlich mir sein Kommen nach Frankf. anzubieten, was wir natürlich mit Freuden annahmen. Bei dem Gedanken an mein altes Gesicht, was mir den Entschluß schwer gemacht (nur aus Liebe zu den Kindern faßte ich ihn), fiel mir Ihr liebes Gesicht ein, u. wie ich Hildebrand zur Erholung und Stärkung wünschte, daß er neben dem Meinigen ein jugendliches Relief oder Büste zu machen hätte – wäre das nicht eine Weihnachtsüberraschung schönster Art für Ihren lieben Mann? [Zugleich der schönste Schmuck in’s neue Haus!] H. bleibt 14 Tage in Frkf., wird sich dort ein Atelier verschaffen. [Er hat hier die Büste der Frau v. Herzogenberg gemacht – wundervoll.] Sie kennen doch gewiß schon Werke von ihm?
Wir haben jetzt noch den lieben Besuch von Betty Oser, morgen trennen wir uns, sie nach Wien; sie kommt aber von Wien noch zu uns f. ein paar Tage. Ich habe Elisen versprochen bis 20t d. M. auf dem Sommerhoff zu bleiben, noch etwas Landluft zu genießen. Nicht wahr, Sie lassen uns bald von sich hören?
Eugenie ist mit Fillu in Sion noch bei Vonder Muhll’s, die sie bis Ende Septbr noch festhalten, was mir sehr erwünscht ist. Sie gebraucht jetzt dort eine Traubencur, d. h. sie ißt so Viele wie möglich aber nicht nach aerztlicher Vorschrifft. Es geht ihr viel besser, gebe der Himmel nur Dauer.
Haben Sie denn gar nicht mehr an uns gedacht, Liebste? Sie wußten unseren Aufenthalt, wir aber nicht den Ihrigen, dazu hatten wir eine große Arbeit, von der ich Ihnen hoffentlich bald mündlich erzähle! –
Seyen Sie mit Ihrem Manne herzlichst von uns gegrüßt, u. lassen Sie bald von sich hören
Ihre
alt ergebene
getreue
Clara Schumann.

Betty grüßt sehr.

[Umschlag]
Frau Gräfin
Marie von Oriola.
Hofgut Büdesheim
bei Gr. Karben
in
Hessen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Obersalzberg
  Empfänger: Oriola, Marie von, geb. Christ, verh. Berna (2699)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 572ff.
 



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