19.12.2019

Briefe



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ID: 11977 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 16.09.1886
 

München d. 16 Septbr Hôtel Marienbad 1886.

Liebstes Lisl,

was denken Sie wohl von wo aus ich diesen Gruß an Sie richte? ich benutze eine Pause, im Atelier des lieben Hildeb. Ihnen vor allem zu danken für Ihre lieben, nur viel zu schmeichelhaften Zeilen, und für das wunderbare Geschenk, das mir, wenn gleich ich hoffe, daß ich es nie in der Noth gebrauchen werde, eine liebe werthvolle Erinnerung sein wird, an Sie u. die verehrte theuere Mama, der Sie, bitte, meinen wärmsten Dank übermitteln wollen. Es ist so reizend gut von ihr, daß sie meiner so wohlwollend gedenkt. Ach, hätte ich in Ihr liebes Gesicht öfter blicken können, als es diesmal der Fall war – es war eine rechte Täuschung, daß ich Sie <> nur zwei Mal sah!!! Wir haben d. 13t hier gefeyert, leider war aber Levi krank zu Bett, u. Hildebrand noch nicht hier. Sagen Sie, Liebste, wenn gehen Sie nach Berlin zurück, geschähe es innerhalb der nächsten 8–9 Tage, bitte, bleiben Sie dann <> wenigstens einen Tag hier, wir Alle bitten sehr, sehr! Ich denke H. wird bis zum 23–24t fertig. Leider strengen mich die Sitzungen sehr an – meinen Rücken, für den es wirklich eine Tortur ist, was ich aber dem lieben Künstler nicht sage – ist es doch auch wieder eine Wonne seiner Arbeit zuzusehen, d. h. zuzuschielen, denn die Künstler, Mahler wie Bildhauer lieben das Zusehen nicht, was ich auch ganz natürlich finde – ich liebe auch nicht, wenn ich übe, belauscht zu sein. Marie ist gleich, nachdem der 13te vorüber war, wo sie mich Beyde ihre Liebe so recht empfinden ließen (eigentlich empfinde ich sie ja jeden Tag) nach Frkf. abgereist. Es machte mir doppelt Schmerzen, weil ich wußte, sie <geht> ging Unannehmlichkeiten entgegen. Mit meinem Kreuz geht es gar nicht gut, sogar Schreiben vermehrt die Schmerzen! ich habe mich in Meran zweimal übermüdet, seitdem sind sie wieder sehr arg. Doch, das ist langweilig, wie ich denn überhaupt eine schlechte Briefschreiberin bin, was ich Ihnen, leider, eigentlich nicht erst zu sagen brauche. Eine Karte nur senden Sie, ob Aussicht dazu ist Sie hier zu sehen? und nun seyen Sie Alle nochmals 1 000 mal gedankt. War es mir auch recht peinlich Ihnen den einen Sonntag zum Abschied noch so viel Last verursacht zu haben, so war der Schluß unseres dortigen Aufenthaltes doch der schönste, den ich mir wünschen konnte. Ach, wären wir nur gar nicht gegangen, es war zu schrecklich in Meran!!! – Ihrer theueren Mutter meine wärmsten Wünsche zum Winter, und nicht weniger solche Ihnen u. Ihrem lieben Manne von
Ihrer
alten
Clara Schumann.

P.S. Hier giebt es nur – Nibelungen, die ganze Woche – die erspare ich mir, gehe in’s Gärtner und Residenztheater. Vielleicht giebt man nächste Woche am 23ten Don Juan. Könnten wir da zusammen sitzen, ach, und könnte ich nur einmal ein Stündchen mit Ihnen allein sprechen – wie innigen Theil nehme ich an Allem was Ihr liebes, gutes Herz bedrückt – was kann es wohl <beruhi> beruhigenderes geben als mit lieben alten Freunden Schmerz empfinden, wenngleich man ihn ja nicht verringern kann. Ich drücke mich schlecht aus es fehlt mir hier im Atelier doch die Ruhe, und es mahnt mich auch Schulter und Rücken.
Addio, Liebe!

Verzeihung für die Kleckse – das Löschpapier ist so schlecht. –
Noch ein P.S. Denken Sie am Freitag nächster Woche singt Frau Joachim hier im Orpheus auf der Bühne wie finden Sie das?
Eugenie grüßt herzlichst. Haben Sie nicht etwa ein Schildcrot Taschenkämmchen v. mir gefunden?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: München Hotel Marienbad
  Empfänger: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
626ff.
 



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