19.12.2019

Briefe



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ID: 11978 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 25.11.1886
 

Frankf. d. 25 Nov. 1886.

Meine liebe Lisl,

hätte ich nur nicht so entsetzlich viel jetzt zu thuen, ich hätte gleich für Ihren lieben Brief und die reizende Beilage gedankt, aber, es ging eben nicht, u. heute schreibe ich mit etwas schwerfälligem Arm, der wieder einmal von Rheumatismus heimgesucht war – Gott sei Dank, nur kurz, aber solche Mahnungen sind immer beunruhigend. Sie können denken wie Ihr lieber Bericht über die neue Cello Sonate mich interressirte. Ich hatte von Fellinger’s in Wien solch einen Bericht darüber bekommen, als habe B. nie Aehnliches geschrieben. Ich bat Brahms um seine neuen Sachen, auch besonders die neue Violin-Sonate um sie hier mit Joachim spielen zu können, und, denken Sie, er schlug es mir ab, weil er die Noten selbst brauche, – als ob es keine Copisten mehr gäbe, wie früher!!! Ich habe nicht Zeit Ihnen seinen Beweggrund zu schreiben, möchte es auch nicht schwarz auf weiß. Natürlich schwieg ich darauf, u. muß mich nun gedulden, bis die Sachen erscheinen – hätte man nur nicht ein Herz, das sich hinter der Vernunft krampfhaft zusammenzieht. (Dies aber nur Ihnen, liebstes Lisl.) Die Variationen, in denen Leporello so humoresk<> in allen Gestalten erscheint, haben mich sehr<> <>ergötzt – ich habe sie mir schon verschiedene Male gespielt, und dabei auch immer Sie vor Augen gehabt, wenn Sie sie Anderen vorspielen, so mit einem schalkhaften Lächeln. Meine besonderen Lieblinge sind d. 2te, 4te, 6te, 7te u. 10te mit dem reizenden Coda. Wunderbar ist mir wie Ihr Mann auf diese Idee kam? danken Sie ihm, bitte, nochmals herzlich. Soll ich ihm das Manuscript zurückschicken? Wie gern hätte ich Ihnen Eugenie gleich neulich nach Ihrer freundl Einladung geschickt, aber, das geht nicht so, viele Hindernisse sind da im Wege, Stunden hier, noch kein rechtes Wohlbefinden, und, welche Verhältnisse in Berlin!!! Mit der Heritte haben Sie recht, auch ich mag sie sehr gern, schätze ihr Talent sehr, aber es war nicht recht warm zu werden mit ihr, so viel wir es auch versuchten. Hoffentlich gelingt es ihr in Berlin mit den Gesangsstunden; ob mit den Compositionen? ich fürchte, man hört sie wohl ein Mal mit Interresse, jedoch ohne das Verlangen der Wiederholung. (Unter uns dies.) Eben besuchte uns die arme Hohenschild, ach wie unglückliche Verhältnisse sind da! könnte denn für dies so respectable Mädchen nichts geschehen? es giebt ja so viel reiche Leute in Berlin – gewiß verdient sie es, unterstützt zu werden, sie reibt sich ja ganz auf, wenn sie sofort unter den entsetzlichen Sorgen lebt. Was giebt es doch für entsetzliche Existenzen, u. wie sind so Manche fortwährend heimgesucht von trostlosen Geschicken. Ich bin noch ganz angegriffen von allem, was mir das arme Mädchen unter unaufhaltsamen Thränen erzählt hat! – Joachim’s Kommen sehen wir mit Freude entgegen – kämen Sie doch mit! Wie freue ich mich auf das ungarische Concert – das erregt<> mich immer bis in’s Innerste. Ich hoffe, er musicirt auch einen Nachmittag bei uns. Wie gern plauderte ich noch mehr u. mehr, aber, es geht nicht und muß ich meinem Herzen Gewalt thun, indem ich Ihnen Beiden schnell die Hand drücke in treuer Liebe. Denken Sie bald ’mal wieder an mich
Ihre
Clara Sch.

Die Kinder grüßen sehr herzlich. Fillu ist in Holland augenblicklich, Ende der Woche kommt sie zurück.
Verzeihung f. d. halben Bogen – ein kleines Tinten-Malheur verdarb mir die Hälfte.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
642ff.
 



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