19.12.2019

Briefe



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ID: 1203 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 07.09.1841 bis: 09.09.1841
 

Theuerster Meister,

Seien Sie ganz ohne Sorgen meinetwegen; es geht mir ganz trefflich. Die Kleine [die am 1. September 1841 geborene Tochter Marie] ist ein ganzes Mächen, schwarzhaarig, schlau, scheinbar noch etwas indifferent - doch sehr dem Vater ähnlich. Was da für ein Geschenk ist! An Musik ist unter solchen Umständen nur wenig zu denken - Doch spiel ich mir manchmal aus meiner Phantasie, die Sie auch sahen. Wir haben sie neulich gehört. Die Musiker spielen wie aus den Wäldern zusammengelaufen (unter uns gesagt), aber nur das Erstemal - das Zweitemal ward's lichter - es hat mir ungemein gefallen. Mit den Bläsern hatten Sie Recht - man sah das Clavier zuweilen nur. Wann kommen Sie denn wieder einmal nach Leipzig? Geben wir ein Winter Concert, so richten wir es ein, daß Sie zuhören können. An trefflichen Leistungen soll es nicht fehlen.
Und nun haben Sie Dank für Ihr liebes baldiges Schreiben, das uns Ihr freundliches Andenken verbürgt. Das Schlimmste ist nun mit dem Namen und den Gevattern; denn das Kind soll gerade an Klara's Geburtstag, nächsten Montag [13. September 1841], getauft werden, so der Himmel will. Wir dachten denn hin und her. Endlich fiel es mir ein; sollte wohl - verschmähen, ein so gutes Musikerkind in die Taufe zu heben und sollte das dem Kinde später nicht einmal die erste große Freude sein, wenn es zu denken und musiciren anfängt! - Meine Frau war ganz erfreut über meinen Gedanken, den sie wohl auch shcon im Stillen gehegt "denn ein Musiker müßte dabei sein" sagte sie. Und nun, lieber Mendelssohn, könnten Sie nicht den Gedankenstrich ausfüllen mit Ihrem verehrten Namen und uns die Freude machen? Ein Wort von Ihnen - und wir bringen dann Alles in die schönste Ordnung. Mitstehen wird noch Klara's Mutter [Mariane Bargiel], die Sie kennen, (hoffentlich kömmt sie selbst), mein Bruder [Carl Schumann] in Schneeberg, (für ihn Buchhändler Barth), und dann meine ehemalige Wirthin Madame Devrient, die Sie vielleicht auch gesehen. Nun wäre noch Ihr Stellvertreter zu wählen, und wir dachten da an Dr. [Hermann Härtel] oder Raimund Härtel, die schon so macnhes unserer anderen Kinder in die Taufe gehoben. Was meinen Sie dazu? Ginge das nicht. Schreiben Sie nur bald, so könnte ich Härtels noch Freitag [10. September 1841] bitten, und es fehlt dann nichts zum 13ten September als der Name. Welchen lieben Sie? Ein freundlicher Thut ja durch's ganze Leben wohl. Wir sind ziemlich einig, möchten aber wissen, ob Sie ohngefähr riethen. Er fängt vielleicht mit dem M [= Marie] an.
Und jetzt ueberlegen Sie Sich in freundlichem Herzen, bleiben uns unter allen Umständen zugethan, und legen diese Zeilen zu den vielen anderen, die [wen, über der Zeile zugefügt} nicht aus gleichem Anlaß, doch aus gleicher Gesinnung gekomen. Meine Frau dankt und grüßt auf das Schönste, Sie, Ihre verehrte Frau und die Ihrigen, wie Ihr treu verbundener Robert Schumann

[Nachschrift Clara Schumanns:]

Erlauben Sie, verehrtester Herr Doctor, daß ich meine schönsten Grüße, obgleich noch bettlägrig, selbst beifüge, und nehmen Sie und Ihre liebe Frau Gemahlin auch meinen herzlichen Dank für Ihre freundliche Theilnahme an unserm Glück. Möchten Sie unsere Bitte, das Kind aus der Taufe zu heben, nicht ungern erfüllen, und immer freundlich gesinnt bleiben
Ihrer
ganz ergebenen

Clara Schumann

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: [Leipzig]
  Empfänger: Mendelssohn Bartholdy, Felix (1040)
  Empfangsort:
  SBE: II.1, S. 178f.
 



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