Baden-Baden d. 23 Septbr. 1887
Liebstes Lisl,
ich muß Ihnen ein paar Worte senden. Wir haben heute das neue Concert von B. in A moll mit Orchester (denken Sie, wie glücklich, unerwartet) gehört, und wie habe ich dabei Ihrer Beider gedacht! – Das ist ein prachtvolles Stück wieder, originell durch und durch, voller schöner Klangeffecte, und interressanter Motive. Besonders lieb ist mir der erste Satz, (der letzte muß sehr fein mit dem Orchester zusammen gehen, was ja bei einer ersten Probe nicht möglich ist.) Merkwürdig beginnt der erste Satz mit einem Recitativ des Violoncell, dem die Geige antwortet und dann Beide zusammen dem kräftigen höchst energischen Tutti zuschreiten. Recht als Gegensatz <> zum ersten sehr kräftigen Thema kommt ein zweites höchst anmuthiges zwischen beiden Instrumenten, der Satz schließt sehr brillant. Das Adagio beginnt Unisono, sehr schön klingend, dann ein Mittelsatz von Blasinstrumenten, zuletzt wieder das Unisono sanft umspielt vom Orchester. Der 3te Satz ist sehr frisch im ungarischen Styl, höchst geistreich instrumentirt – beide Motive wieder so verschieden, kurz, wir können froh sein, daß wir wieder so ein Stück haben! Hätte ich die Feder in der Gewalt, wie Sie, ich schriebe Ihnen besser. Es waren höchst bewegte Tage, wurde auch sonst viel musicirt, Trio, Cellosonate mehrmals. Heute Abend ist Joachim mit Hausmann fort – ich fürchte Brahms kriegt Katzenjammer! Gott sei Dank hat uns Joachim recht viel bessere Nachrichten von dem lieben Manne gebracht. Wie fühlte ich mich dadurch beruhigt! wolle der Himmel gutes Vorangehen in der Besserung geben! – Bitte, sagen Sie mir auf einer Correspondenzkarte, wenn Ziemssen wieder zurückkehrt, weil ich dann gleich wegen Ferdin. Anstalten machen muß. So kommt denn auf die Festtage jetzt gleich wieder die Prosa und Sorge! –
Brahms <>bleibt wohl noch ein oder zwei Tage – er besuchte Sie gewiß in München, wenn nicht sein Mißverhältniß mit Levi wäre! –
Was macht die liebe Mutter? geht sie nach Florenz zurück? Ihre Schwester ist wohl schon fort? wenn nicht, grüßen Sie sie mit der Mama herzlichst.
Ich umarme Sie liebe Leidtragende, bei jedem Gedanken an Sie steigen meine Bitten zum Himmel auf.
So denn, mit Gott weiter, und in gegenseitiger Treue!
Addio! –
Ihre
Clara Sch.
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