19.12.2019

Briefe



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ID: 12402 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 14.04.1888
 

Frankf. d. 14 April 1888.

Meine theuere Freundin,

ach, hätte ich doch gekonnt, ich hätte gleich auf Ihren lieben ausführlichen Brief geantwortet, war mir doch beim Lesen desselben das Herz erzittert, aber, ich konnte nicht, und hierher zurückkehrend fand ich eine Masse von Briefen, u. sonstige Correspondenzen, mit allen möglichen Verpflichtungen, warteten auf mich. Vor allem Dank Sie Liebe, Gute, daß Sie mir Alles schrieben, wie versetzte mich<> das in Ihre Lage, Sie Arme! was müssen Sie gelitten haben, ehe der schwere Schritt geschah, und was leiden Sie Beide in jeder Minute! jeden Abend wenn ich zu Bett gehe, denke ich an Sie, das Lämpchen, das Sie mir einstens geschenkt, stecke ich dann an. Früher liebäugelte ich damit, jetzt seufze ich! – Nun haben Sie auch nicht ’mal Fiedler’s mehr und Levi auch nicht? und vor allem den vortrefflichen Arzt verloren! könnte man Ihnen doch nur Etwas thuen! <für Sie!> nur einen Liebesdienst! – Von Levi wußte ich nichts – ist er wirklich fort? Bayreuth giebt er aber nicht auf, und müßte er sich dahin tragen lassen – gebe Gott, daß er nicht einmal auf diesem Felde der Ehre bleibe. Wie dankbar muß man mit Ihnen sein, daß Ihre Gesundheit und Seelenstärke all die Prüfungen aushält! Anfang Mai wird also der Verband abgenommen, wieder neue schwere Zeit, ach bitte, lassen Sie mich manchmal eine Carte haben, nur, wie <>es geht, was geschieht. Schreiben Sie keine Briefe, darauf haben doch nur Ihre lieben Angehörigen einen Anspruch. Berichten Sie, und ich weiß doch, auch ohne viele Worte, daß Ihr Herz dabei <> ein wenig mir schlägt, (solange Sie am Schreiben sind nämlich.)
Wir haben in der kurzen Zeit seit unserer Rückkehr auch schon Manches durchgemacht, Kämpfe mit Ferdinand, mit Antonie indirect, Trennung von Julie, die Marie vor einigen Tagen zu ihrem Vater n. Blankenburg, von da in’s Luisenstift nach Berlin gebracht hat. Ich erhielt durch die Gnade der jetz. Kaiserin eine Freistelle für sie auf 3 Jahre. Das Institut ist ein ausgezeichnetes, u. hoffe ich das Rechte für die Zukunft des Kindes gethan zu haben, sie wird dort tüchtig u. einfach erzogen, eine Schülerin von mir unterrichtet sie (Frl. Wendt) und später kommt<> sie dann vielleicht noch ’mal zu uns<> zu weiterer Bildung zur Lehrerin – eine außerordentliche Clavierspielerin wäre sie doch nie geworden, wenngleich sie nicht unbegabt ist. Ferdinand ist nun wirklich Morphiumfrei, der Arzt hat Marie außerordentlich gefallen, auch dessen Frau, u. sie sagt, Ferd. sey vortrefflich gepflegt worden. Sobald es ordentlich warm wird geht er nach Kösteritz für die Sandbäder, von deren Erfolgen der Arzt in B. große Resultate aufzuweisen hat. Zu den zwei Jungen in Schneeberg kommt jetzt der 3te Bruder, der den ganzen Winter bei der Mutter kränkelte, u. den sie jetzt à tout prix los sein will. Ich wollte es ja schon vor’m Jahr, weil ich wußte, sie pflegt die Kinder schlecht, da stieß ich aber auf den entschiedendsten Widerstand – jetzt flehen mich die Eltern darum! – Sie können nun wohl denken, was ich zu correspondiren habe mit all den verschiedenen <>Directionen und Lehrern, dabei sollte ich gar nicht schreiben, da ich nächste Woche im Quartett noch ein Mal spiele (A dur Sonate von Brahms mit Viol mit der ich in ein zärtliches Verhältniß durch das Studiren getreten bin) dann haben wir Ende d. M. unser Einweihungsconcert der Schule, wo ich das Schumannsche Concert spielen soll. Das Ende in London war noch herrlich, aber ich nahm einen Katharr von dort mit, der noch nicht gehoben ist! Nun, das sind alles kleine Sorgen, kleine Leiden gegen Ihre. Der Himmel erhalte Sie nur Beide stark, und mir Ihre Liebe, die ein wahrer Schatz ist Ihrer alten Cl. Schumann

Die Kinder grüßen wie immer in herzlichster Theilname
Haben Sie Nachsicht liebstes Lisl, mit den flüchtigen Zeilen bei denen aber mein ganzes Herz war.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
681-684
 



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