19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 12435 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 18.07.1890
 

Franzensbad d. 18 Juli 1890.

bei Doctor Loimann.
bis 1 August, dann
Obersalzberg bei der Moritz! –

Liebstes Lisl,
wie lange blieb ich Ihnen auf Ihren lieben Brief Antwort schuldig, aber, ich war ein armes geplagtes Thier, immer noch hat es mir die Influenza angethan, und gerade an dem Tage als Joachim zu uns kam, auf den wir uns so recht ’mal wieder gefreut, bekam ich heftige Schmerzen im Bein, so daß ich kaum gehen konnte, aber, ich konnte mit J. musicieren, und über dieser Freude vergaß ich alles körperliche Weh! wohl mag ich mich dabei etwas übernommen haben, aber ich wollte ja gern nachher büßen, und so geschah es auch. Ich habe nach Joachim’s Fortgang fast 3 Wochen immer auf dem Sofa gelegen, u. als es besser wurde kamen die Anstrengungen der Reise hierher, die mich wieder hier 8 Tage aufs Sofa warfen. Nun heute aber kann ich Ihnen sagen, daß es mir viel besser geht, ich kann doch wieder gehen. Fast alle Theile meines Körpers hat diese abscheuliche Influenza heimgesucht, aber – die Augen noch nicht! da kriegte ich vorgestern eine
Augen-Entzündung, die aber, Gott sei Dank heute schon wieder im Abnehmen ist, und mit der ich wohl eigentlich nicht schreiben sollte, aber so <>heftiges Verlangen nach einem Plauderstündchen mit Ihnen hatte, daß ich es doch wage. Der Beginn Ihres Briefes, die Beschreibung des Verkaufes in der Lislei, öffnete bei mir die Schleußen sofort, und ich las sie unter Thränen, Sie bewundernd, wie Sie so kräftig diesem traurigen Acte beiwohnten! Sie beschreiben mir das Ganze, als wäre es ein freudiges Fest gewesen, und es muß Ihnen doch das Herz geblutet haben! – Ich mußte aber auch denken, wie wunderbare Kraft<> der Himmel den Menschen verleiht, die er so schwer prüft! welch ein Glück, und wie dankbar sind wir <>ihm <>, der unsere theueren Freunde so herrlich in aller Trübsal gestützt u. getragen hat. Wie waren Ihre Nachrichten über den geliebten Mann so erfreulich, wie Ihr Aufenthalt in Hamburg gewiß recht erfrischend für ihn. Aber, nach Sylt wollen Sie – Seebad! Das lassen Sie doch wohl noch aufs Wetter ankommen, denn nur bei ordentlicher Wärme kann es wohl dem Theueren gut thuen! Ich verstand nicht recht in Ihrem Briefe, ob Ihre liebe Frau Mutter nach Baden kommt? Sie sagten, Baden sey ihr so gut bekommen, deshalb wollten Sie vor Baden mit ihr nach Wildbad gehen, also geht sie – wenn? – nach Baden? Sie schrieben mir auch gar nicht, wenn Sie Berlin verlassen? ich adressire Dieses aufs Geradewohl dorthin. Eugenie ging am 1 Juli mit Sommerhoff’s nach Domburg, am 16ten kam Fillu von London dorthin, und morgen wollen sie in die Schweiz, ich glaube nach Kantersteg – sie suchen einen einsamen Ort, wo sie in keine Pension gezwungen werden. Von meinem leiblichen Wohle erzählte ich Ihnen wohl genug, leider haben wir aber auch seelisch schwere Zeit durchgemacht, u. leben noch unter dem Drucke der traurigsten Verhältnisse Ferdinands. Ich kann ihn u. seine Familie, so wie bisher, (die letzten 3 Jahre) nicht mehr erhalten, und muß er sich nun eine bleibende Stätte wieder suchen, seine drei jüngsten Kinder, aber, zu unserm wahren Schmerze, auch die schreckliche Frau, wieder zu sich nehmen. Wir haben die Sache hin und her bedacht, finden aber der pecuniären Verhältnisse halber keinen anderen Ausweg. Eine Stelle kann er nicht wieder annehmen, er wird ja nicht wieder gesund, ich hoffe aber, er wird sich seinen Kindern widmen, u., wills der Himmel, vergüten sie ihm vielleicht einmal, was das Leben ihm an Freuden und Glück in der Jugend versagt hat. Seine Umsiedlung soll nun bis Octbr. bewerkstelligt werden, (wahrscheinlich nach Gera), und muß er sich mit Dem, was ich ihm geben kann, sparsam behelfen. Ich schrieb Ihnen dies, weil ich weiß, Sie nehmen an allem Theil, was uns trifft, und, hab ich Jemand lieb, so habe ich das Bedürfniß der Mittheilung – mir ist, wenn ich Ihnen schreibe, als säßen Sie neben mir und richteten Ihr liebes Auge, wie oft schon, so recht voll und warm auf mich. Ich schließe mit diesem Eindruck, sende Ihnen Allen Dreien die wärmsten Grüße und umarme Sie in treuer Freundschaft
Ihre
Clara Sch.

Marie schickt auch das Herzlichste. Bitte, lassen Sie mich auf Postcarte wissen, wo Sie sind?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Franzensbad
  Empfänger: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
735-738
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.