19.12.2019

Briefe



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ID: 12437 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 08.10.1890
 

Frankfurt a/M d. 8 Septbr. 1890

Meine theuere Lisl

kein Tag verging wo ich nicht an Sie dachte, Ihnen so gern auf Ihren lieben langen Brief v. 16 Aug. geschrieben hätte, aber, ich konnte durchaus nicht dazu kommen, hatte so viel unausgesetzte Familien-Correspondenz, die mir nebenbei alle Stimmung verdarb, daß ich zu keiner gemüthlichen Correspondenz kommen konnte. Nun kamen wieder die Geburtstagbriefe, deren Erledigung eine wahre Aufgabe für mich ist, ich möchte darum aber doch die vielen Beweise von Theilname nicht entbehren müssen – schätze den Besitz guter Freunde hoch, und so will ich Ihnen denn gleich danken für Brief u. Thelegramm, das mich so herzlich freute. Was haben Sie aber Alles den Sommer durchlebt! erst das Verlassen des lieben Häuschens für immer (ach, das ist mir so schmerzlich zu denken) dann die Sorge mit der theueren Mutter, in deren Stimmung ich mich so ganz versetzen kann, denn im Alter drückt jedes Leiden das Gemüth herab! es wäre gar zu schön für Sie, siedelte die Mama nach Heidelberg über – das Clima ist dort gewiß beinahe so mild, wie in Baden, u. doch nicht ganz so drückend. Nun ist sie wohl schon wieder in Florenz? – Wir waren auch in München, und auch ich hatte ein Gespräch mit Levi, oder vielmehr eigentlich keines, denn, was er mir sagte (daß ich in meiner musikal Entwicklung mit dem 50ten Jahr schon fertig gewesen sey, nur bis zu Beethoven gekommen sey ect.), darauf konnte ich nur schweigen, konnte nur in mich hinein lächeln, denn ich habe doch, Gott sei Dank, für Manches, Spätere, noch Begeisterung empfunden! Den Fidelio von der Tercina habe ich gesehen, und fand in ihr eine der schönsten Darstellerin dieser Rolle, im 2ten Act besonders mit Vogel zusammen einen unvergeßlichen Genuß. Jedoch die Schröder erreicht sie noch lange nicht, sie ist eben doch nur ein schönes Talent, kein producirendes Genie, das Einen in jedem Augenblicke packt. Vogel ist aber der hinreißendste Florestan, den ich je hörte und sah, es ist eine wahrhaft künstlerische Leistung, eine herrliche Steigerung vom, dem Tode geweihten, gänzlich ermatteten, Gefangenen zum seligsten Gatten! <> Von Brahms weiß ich nur, daß er arbeitet (ich glaube ein Quintett <)> aber genau weiß ich es nicht.) Den Salzberg haben wir wieder sehr wohlthuend empfunden. Wir hatten freilich furchtbare Gewitter, aber Beleuchtungen von solcher Großartigkeit, wie ich nie etwas erlebt habe. Die Luft hat mir augenscheinlich gut gethan, aber, hier in der Arbeit, und dem Vielen nicht Erfreulichen, was Einem das Leben bringt, da schwindet wieder manches Gewonnene. Wie gern wüßte ich, wie es Ihnen in Sylt ergangen ist? was der liebe Mann macht? wie ihm das Bad bekommen? hatten Sie nicht gar zu schlechtes Wetter?
Schließlich empfehle ich Ihnen noch eine meiner Lieblingsschülerinnen, Ilona Eibenschütz, ein äußerst musicalisches Wesen, die bald nach Berlin kommt, u. der ich sehr die Gunst Ihrer Beider Bekanntschaft gönnte. Ich gebe ihr keinen Brief, nur eine Karte von mir mit, dann wissen Sie schon, Liebste, was ich möchte. Martin Levy bat mich sehr dringend ich möchte in zwei Extra-Kammermusik Abenden spielen, aber, ich weiß, Joachim mag das nicht, und thue es auch nicht (unter uns gesagt), kann ja auch eigentlich nichts versprechen. Könnte ich Sie ’mal wieder Aug in Auge sprechen – ach, schon ist es über ein Jahr, daß wir uns nicht sahen! Liebe, guten Freunde leben Sie wohl, behalten Sie mich ein wenig lieb, und lassen Sie mich bald wieder ein Zeichen sehen. Ihre getreue Clara Schumann.

Eugenie war in Kandersteg a. d. Gemmi mit Fillu – sie waren sehr entzückt, haben selbst gewirthschaftet 5 Wochen lang.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
741ff.
 



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