19.12.2019

Briefe



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ID: 12438 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 27.02.1891
 

Frankfurt a/M d. 27/2 91.

Liebstes Lisl,

ich bin ganz desperat, daß ich diese Tage so gehetzt war, daß ich nicht dazu kommen konnte, Ihnen einige Worte zu senden, und dachte so viel doch an Sie arme, liebe Dulderin! – Das ist ja schrecklich, daß das schlimme Leiden wieder so überhand genommen – Sie waren doch so lange ziemlich frei davon! sollte nicht das Clima, und das sehr unruhige Leben in Berlin schuld daran sein? wie fühle ich mit Ihnen das Schwere gänzlicher Unthätigkeit, das ist ja für Sie die schlimmste Prüfung. Ganz betrübt sind wir alle Drei darüber! – Wie hart, daß Sie mit dem geliebten Manne nicht nach Leipzig konnten. Könnte man Sie doch trösten, erheitern! aber aus der Entfernung mit blosen Worten, wenn sie auch aus tiefstem Herzen kommen, was ist da gethan? Nichts! Ich habe all die Zeit viele Correspondenzen mit meinen Schülern Borwick u. Ilona gehabt – Sie glauben nicht, was es da immer hin und her zu schreiben giebt. Es geht Ilona ausgezeichnet, sie hat im Pop. schon 5 mal gespielt, u. mit Op. 111 v. Beethov. und symphonischen Etüden großen Erfolg gehabt, und eigentlich immerfort. Borwick ist in Wien, spielte vorigen Sonntag Brahms’ D moll Concert, und Brahms schreibt mir, noch im Concerte selbst, auf einer Postcarte: „L. Cl. noch im Concert schreibe ich Dir höchst vergnügt, daß B. ganz vortrefflichst gespielt hat. Mit schönster Freiheit, Wärme, Energie, Leidenschaft, kurz Allem, was man wünschen mag. Es war wirklich nicht besser u schöner zu wünschen“ ect. Es war mir dies eine doppelte Freude, als er mir einige Tage zuvor sehr ernst eingehend über B. geschrieben hatte, und unter Anderem sagte, man höre einstweilen noch nicht eigentlich ihn selbst, seinen Geist und Willen, sondern den ausgezeichneten Lehrer. Ich werde wohl besser als er zu beurtheilen wissen ob und wie sich seine Anlagen entwickeln könnten. So war mir denn die Karte eine große Ueberraschung, wenngleich ich ja wußte, wie schön er, das Brahm’sche Concert gerade, spielt. In diesen Tagen geht eine 3te ausgezeichnete Schülerin von mir nach England zurück – (sie ist Engländerin) Dieser fehlt es an Individualität nicht. – Ein Glück ist es für mich, daß ich mit diesen Schülern fortleben kann in Gedanken, überhaupt ihnen auch in der Ferne doch noch so viel als möglich zur Seite stehe. Das zieht mich ab von meinem, unser Aller, großen Kummer und Sorgen für Ferdin. die mir wirklich die letzten Lebensjahre schwer machen. Doch, schrifftlich führte es zuweit, wollte ich Ihnen erzählen, und, es ist ja auch so unerquicklich, was daran und darum hängt. Welch eine Freude hat mir aber gemacht, was Sie mir von Hildebrandt mittheilen, das ist ja herrlich, daß die Deutschen nun endlich einmal kommen. Haben Sie wohl eine Skizze des Brunnens gesehen? wie mag es ihm sonst (und seiner reizenden Familie) gehen? wie gedeiht der kleine „Hadubrandt“? Verzeihen Sie doch sehr meine flüchtige Schrifft. Aber dies soll noch heute Abend fort, und Ihnen vor allem sagen, wie innig und theilnehmend wir Ihrer gedenken. Ich bitte den lieben Mann, oder die liebe Secretärin, wenn sie noch bei Ihnen ist, um eine baldige Postcarte nur, wie es Ihnen geht. Kommt die theuere Mutter nicht etwa zu Ihnen?
Getreuest umarmt Sie Ihre
alte
Clara Schumann

Dem theueren Manne das Herzlichste! war er befriedigt in Leipzig?
Wir erwarten Brahms nächstens hier. Brahms Quintett lernte ich nur à 4/m kennen, u. bin aber entzückt v. 2ten u 3ten Satz – das sind Perlen! –

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
747-750
 



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