19.12.2019

Briefe



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ID: 12611 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 26.08.1888
 

Obersalzberg bei Berchtesgaden
Pension Moritz d. 26 Aug. 1888.

Liebster Joachim,

das war eine Ueberraschung Ihre liebe Handschrifft endlich ’mal wieder zu sehen! von Ihrem Aufenthalte konnte ich nie Genaues erfahren, nur vom Johannes in München, daß Sie nach Marienbad gehen würden. Wäre es früher gewesen, dann hätten wir uns so gut sehen können! Wir sind hier nun bald 3 Wochen, hatten doch ab und zu herrliche Tage! für solche hier oben, erträgt man eben mit so viel Geduld wie möglich die schlechten. Es giebt hier doch immer Verkehr, besonders jetzt auch durch Professor Linde, der sich ein schönes Haus ganz nahe der Moritz gebaut hat, und wo ein reger Verkehr herrscht, immer bedeutende Menschen zum Besuch sind. Vorige Woche war Billroth da, jetzt Lübke’s, mit denen mir der Umgang sehr angenehm ist – sie bleiben 3 Wochen. Hätte ich Ihre Adresse früher gewußt, so hätte ich Ihnen längst für das herrliche Autograph gedankt! es war rührend von Ihnen, daß Sie daran gedacht. Minister Lucius schickte es mir mit einigen sehr freundlichen Zeilen, und so dachte ich, Sie hätten ihn für mich gebeten, es soll dennoch aber Marie gehören – wie ja beabsichtigt war. Sie dankt Ihnen mit herzlichstem Gruße. Sie Aermster, nun müssen Sie nach Amsterdam – zwei Curen nach - einander ist doch etwas viel! – Gut nur, daß Sie Paul haben, der Sie gewiß oft zerstreut, und Frau v. Beulwitz, die Sie von mir freundlichst grüßen wollen. In Wildbad ist jetzt ein nettes Kleeblatt zusammen – wie sie sich wohl verstehen? Herzogenberg, Volkland, Bargiel!– Recht lange hörte ich nichts von dem Befinden des Ersteren, besser aber geht es ja, er kann doch an Stöcken wohl wieder gehen? – Von Berlin hatte ich neulich wieder Engagementsantrag für den neuen Philh. Saal, ich schlug natürlich ab, denn, nur mit Ihnen will ich dort musiciren, und zwar in einem gemeinschaftlichen Concerte. Ich dachte etwa im November. Wenn nun wirklich der Saal viel akustischer wird (das wird man ja gleich erproben) dann könnten wir das Concert mit Orch. doch vielleicht dort geben? was meinen Sie? man könnte da, weil der Saal groß ist, verschiedene, auch billigere, Preise stellen!? Es scheint, Sie gehen nicht nach Amerika? kein Wort sagen Sie darüber. Ich schließe, lieber theuerer Joachim, mit meinen treuesten Wünschen für Sie und Ihre lieben Kinder! was ist der Johannes ein reizender Mensch! von Marien’s Gesang hörte ich viel Gutes, das freut mich auch, ach, Alles ja, was Sie freuen muß! Da fällt mir noch ein, ist Mme Neruda wirklich Lady Halle geworden?ich kann es mir gar nicht denken, habe so fest an diese reine Freundschaft geglaubt! Wir bleiben hier bis 2ten Septbr. gehen dann nach München für circa 5–6 Tage, wollen Ausstellung und Theater genießen, am 10 oder 11ten n. Baden in den „deutschen Hof“, wo es freilich diesmal nicht wieder so schön wird! – Kommen Sie von Marienbad nicht etwa auch nach München? wir wohnen dort im Hôtel Marienbad. Und nun wirklich zum Schluß, und herzlichsten Grüßen
von
Ihrer
alten
Clara Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Obersalzberg
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1342ff
 



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