19.12.2019

Briefe



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ID: 12813 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 05.08.1879
 

Wildbad-Gastein d. 5 Aug. 1879.
Liebe, verehrte Königl Hoheit theuere Frau Landgräfin,
Dank für Ihren lieben Brief, nach dem ich mich schon gesehnt hatte – es lag mir so sehr am Herzen zu wissen, ob Sie eine Dame gefunden. Nach dem, was Sie mir nun schreiben, hoffe ich doch sehr, daß Sie sich an die junge Dame, Gräfin Bünau anschließen werden, und spricht mir, was Sie mir von ihr sagen, sehr dafür. Ich denke mir, es hat auch einen Vortheil, wenn es auch mühsam für Sie ist, sich eine Hofdame zu erziehen, und das geht mit einer Anfängerin besser, als mit einer älteren, schon geschulten Dame. Jetzt, theuere Frau Landgräfin, haben Sie nun Ihren lieben Sohn bei sich, das wird Ihrem treuen Mutterherzen wohl thuen, wenn auch ein Verlust, wie Sie ihn erlitten, nicht zu verwischen ist. Eine wahre Freundin zu verlieren, gehört zu den größten Verlusten – neben den Angehörigen sind uns Freunde ja die Nächststehenden, und, wie selten giebt es wahre Freunde. Mit Ihres theueren Sohnes Rückkehr, ist auch die Sonne wiedergekehrt – wie muß es dann schön in Panker sein! wie gern hätte ich Sie ’mal wieder dort besucht, ich denke so oft an den reizenden Tag bei Ihnen, unseren schönen Spatziergang, Ihr wunderhübsches, idyllisches mit grün umranktes Zimmer unten, wo wir frühstückten! die herrliche Fahrt im Walde, wie schön war das. Eugenie hat aber von Frl. Hauff keinen Brief erhalten – sie war ganz erschrocken, und weinte, wie Sie, liebe Königl Hoheit, denken könnten, daß sie nicht gleich geantwortet haben würde!
Marie ist noch immer nicht hergestellt, ich fand sie nach 8 Wochen noch im Bett, nahm sie aber doch mit hierher, und es geht nun so weit besser, daß sie ganz langsam kleine Strecken geht, ich muß sie aber meist im Rollstuhl fahren lassen, was uns recht am ungezwungenen Genusse der herrlichen Natur hier hindert. –
Den theueren, verehrten Kaiser sehen wir fast täglich spatzieren gehen oder fahren – ein wunderbar rüstiger, herrlicher Mann. Immer, wenn ich ihn sehe, möchte ich, ich könnte ihm ’mal sagen, wie innig ich ihn verehre; schließlich hätte ich doch nicht den Muth, bin ja doch auch nur ein Tropfen in dem Meer von Bewunderung und Verehrung, die er genießt.
Theuerste Frau Landgräfin, ich darf Ihre Geduld nicht zu lange in Anspruch nehmen.
Im Winter, nicht wahr, da haben wir bald ’mal wieder die Freude Sie bei uns zu sehen? wie gern möchte ich Ihnen ’mal wieder einiges Neue vorspielen, vielleicht ’mal ein Ensemble, Quartett oder Quintett, das Sie lieben! ich hoffe, Sie schreiben es mir, wenn Sie sich ’mal aufgelegt fühlen. Sie wissen wie ich mit Hand und Herz Ihnen jederzeit gern zu Diensten stehe.
An die liebe Prinzeß Elisabeth herzlichen Gruß, auch dem Frl Hauff, darf ich wohl bitten. Marie bittet mich sie Ihnen aufs wärmste zu empfehlen. Mit Engelhafter Geduld hat sie die ganze Zeit getragen – ich mußte sie oft bewundern.
Doch genug nun! –
In treuer Anhänglich-
keit und Ergebenheit
Ihrer Königl Hoheit
Ihre
Clara Schumann.

Ich gehe von hier nach Berchtesgaden, Ende Aug. nach München, wo ich mir ein paar schöne Opern, Fidelio, Don Juan, Wasserträger bestellt habe. Am 9–10 Septbr hoffen wir zu Haus zu sein. – Ich muß Ihnen auch noch erzählen, daß Elise diesen Winter zu kommen hofft.
Ich wäre Ihnen so dankbar, ließen Sie mich erfahren, wenn Sie wieder in Wiesbaden sind; meine Adresse ist immer in Frkfurt.


[Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Kulturstiftung des Hauses Hessen]

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Wildbad-Gastein
  Empfänger: Landgräfin Anna von Hessen (2568)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 12
Briefwechsel Clara Schumanns mit Landgräfin Anna von Hessen, Marie von Oriola und anderen Angehörigen deutscher Adelshäuser / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-023-0
107-110
 



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