15.07.2019

Briefe



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ID: 12863 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 14.11.1891
 

Frankfurt a/M d. 14 Nov. 91,
Liebe Mathilde,
hierdurch sende ich Ihnen die mir gesandte interessante Gedenkschrifft der Singacademie mit Dank zurück, und sage Ihnen zugleich, wie sehr Ihr lieber Brief mich erfreut hat. Sehr interessirte mich Ihr Bericht über die Peri, die von der Sembrich leider doch, wie mir gestern Joachim auch bestädtigte [sic], so wenig der Intention des Componisten entsprechend wiedergegeben war, ich hätte nicht gedacht, daß sie so wenig Wärme und Leidenschaft hätte. Joachim sang mir vor wie sie die Worte „wo find ich sie“ – es sey unglaublich wie sie das gesungen habe, u. so eigentlich Alles. Ach, es ist doch gar so traurig, daß es keine Sängerin giebt, die die Peri poetisch vorzutragen im Stande ist – welch dankbare Aufgabe ist doch diese Parthie! – Wie gern hätte ich die Tenorparthie von Wulff gehört! hat er nicht geschrieen?, das thut er eigentlich doch zuweilen, freilich wohl mehr im Wagner, wo er es oft muß. Poesie muß man aber von G........ nicht erwarten, der ist ein fixer Musiker, aber prosaisch. Die Leute wollen jetzt aber gar keine Dirigenten, die empfinden, das ist altmodisch. Das ist ein trauriges Thema, besser man spricht sich nicht in die Aufregung hinein, es hilft eben doch nichts, wir leben in einer Zeit, die ganz und gar nicht mit unserm Denken und Fühlen stimmt. –
Die Wietrowetz sollte sich doch wegen England wieder an Joachim wenden, ich sprach neulich mit ihm über sie, er sagte, er wolle für sie an Chappell schreiben. Es wäre gut, sie erinnerte ihn daran. Gestern hat er hier gespielt, morgen früh spielt er mit seinem Quartett, und ich kann nichts hören, denn es geht mir kaum besser, vor allem kann ich keinen Ton Musik hören, denn es klingt mir Alles fürchterlich. Ununterbrochen dröhnt es in meinem Kopfe, nur ab und zu leiser, was doch momentan erleichtert. Gott weiß, wie lange das noch dauern wird! –
Daß Frl. Wolf fortgegangen ist, hat uns auch sehr leid gethan, denn auch wir hatten ihr liebes frisches Wesen so gern. Leider sahen wir sie ja nicht oft, denn sie war immer sehr beschäftigt.
Ich habe Ihnen nichts weiter mitzutheilen, an Stundengeben kann ich natürlich gar nicht denken.
So leben Sie denn Beide wohl für heute und nehmen Sie unser Aller herzlichste Grüße, mit denen ich bin Ihre immer getreue
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 266f.
 



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