05.01.2022

Briefe



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ID: 12967
Geschrieben am: Samstag 14.01.1893
 

Frankf. d. 14 Jan. 93

Liebe Frau Fellinger,

haben Sie Dank für die reizende Neujahrscarte, vor allem auch für Ihre und Ihres lieben Mannes gute Wünsche, die ich für Sie und alle Ihre Lieben von ganzer Seele erwiedere. |3| Ich habe leider das neue Jahr mit einer sehr starken Erkältung begonnen, und bin noch an das Zimmer gefesselt. Wir waren einige Tage in Sorge, es möchte wieder eine Lungenentzündung geben, aber, dem Himmel sey Dank, ich blieb bis jetzt verschont. Noch habe ich Ihnen nicht gedankt für Ihren lieben Brief |2| vom November. Haben Sie mein Bild vollendet? von Lenbach giebt es aber kein Bild von mir, nur Skizzen, von Denen keine ganz getroffen ist. Shakespeare’s haben mir alle Ihre Photographieen von Brahms gezeigt, ich bin nun aber ganz besonders eingenommen von der, die Sie mir einst geschickt haben. Wie reizend Ihre Weihnachtsüberraschung für Anna Franz!7 wie nett, daß Sie regelmäßig zusammen |4| musiciren – da giebt es wohl viel die neuen Brahms? Soldätchen war bei uns, spielte herrlicher als je, aber, welch ein Jammer, daß sie diesen Mann hat! – Diese Heirath hat ihr doch ihre künstlerische Carriere vernichtet. Jetzt muß sie wieder von vorn beginnen, ach, und wie schwer ist das für <beginnende> junge Künstler. Und durch diese Agenten-Wirthschaft kommen sie so gleich in die niedrigste Prosa, wo die Kunst nur Geschäft ist. Gott sey Dank, daß ich solche Zeiten nicht erlebt habe – ich habe |5| die Kunst noch geübt mit allen Idealen im Herzen. Ich ertrüge das jetzige Getreibe nicht. Schließlich die Anfrage an Ihren lieben Mann, wie man es wohl anzufangen hat, die Kinder in eine practische Laufbahn zu bringen? ich habe noch 3 Enkel, <>13, 11 und 8 Jahr alt, über deren Zukunft noch völliges Dunkel schwebt. Welch eine Beruhigung, könnten der Eine oder Andere sich unter Ihres Mannes oberster Aufsicht heranbilden? |6| Gern wüßte ich, welche Vorbereitungen nöthig wären, um in Ihres Mannes Fabrik aufgenommen werden zu können?
Bitte, sagen Sie mir gelegentlich, um was es sich vor allem handelt. Wir denken so viel darüber nach! –
Nun aber Lebewohl, liebe Freunde Beide. Grüßen Sie auch die lieben Söhne und behalten Sie lieb
Ihre
von Herzen ergeb
Clara Schumann.

Shakespeare’s haben mir von Ihnen und Anna Franz, natürlich auch Brahms viel erzählt.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Fellinger, Familie (2254)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
295-298

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 11794-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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