15.07.2019

Briefe



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ID: 13031 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 25.10.1893
 

Frankfurt a./M., den 25. Oktober 1893.

Lieber Johannes,

täglich meine schönste Stunde verdanke ich Dir, und muß es Dir doch 'mal sagen, wie ich erst jetzt, wo ich ernsthaft studiere, voll und ganz den Reichtum erkenne, den Du mir in Deinen neuen Stücken wieder geschenkt. Sie sind mir der einzige musikalische Genuß jetzt. Welche mir die liebsten sind? Ich weiß es kaum! Esdur, Es moll, wie großartig beide, jedes in anderer Weise. Adur, Fdur, Gmoll, wie wundervoll jedes! Das Adur mit dem Fismoll-Mittelsatz mit den lieblichen Melodie-Verschlingungen, dann der Fisdur-Teil in Akkorden, wie so innig, träumerisch; das volkstümliche Fdur-Stück mit dem so originellen Mittelsatz wieder - ja, wo soll man anfangen? Es ist ja ein Reichtum ohne Ende! - Ich soll tadeln, sagst Du mir, das kann ich aber ja nicht, ich könnte höchstens sagen, das Fismoll-Stück sagte mir weniger zu, dabei ist es doch auch so interessant, daß es einen fesselt. Könnte ich nur mehr üben, aber zweimal am Tage eine halbe Stunde, das ist schon das höchste, was ich darf. Die Stücke sind jedes in seiner Weise schwer, und bin ich immer ungeduldig, daß ich sie noch nicht vollkommen beherrsche. Das Esdur ist sehr schwer, macht mir zu schaffen, ich setze es aber doch durch.

Deine liebe Karte zu meiner Rückkehr hat mich sehr erfreut. Wohl ist es mir wieder sehr behaglich zu Hause, wäre ich nur wohler! Ich habe aber neben dem andauernden Kopfleiden viel rheumatische Nervenschmerzen, die mir sehr das Dasein trüben, was mir auch so leid für Marie tut, der ich zwar so wenig als möglich klage, die es mir aber doch ansieht, wenn die Schmerzen gar so peinigend sind. Sie bedarf bei ihren vielen Verpflichtungen alle Frische des Geistes und des Gemütes, und hat doch so viele Sorgen.

Neues gibt es nicht viel, ich höre auch selten etwas - die neuen Dirigenten geben natürlich Unterhaltungsstoff. Rottenberg hat neulich die Leonoren-Ouvertüre recht fein aufgeführt, sie entbehrte aber des Feuers, da er in das Extrem, im Verhältnis zu anderen Dirigenten, verfällt und das Tempo zu langsam nimmt. Ich liebe gewiß das Presto von dieser Ouvertüre nicht, aber dieses Tempo war mir doch zu viel.

Ich muß schließen, denn nach vierwöchentlicher Arbeit liegen mir noch immer an die zwanzig Briefe, die wieder mit Briefen beantwortet sein müssen.

Laß mich bald 'mal wieder von Dir hören, lieber Johannes, und nimm den wärmsten Händedruck

Deiner alten

Clara.

Marie grüßt sehr, Eugenie ist in London.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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