19.12.2019

Briefe



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ID: 13372 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 04.04.1860
 

Wien d. 4 April 1860

Lieber Joachim,

hätte ich meinem Herzens-Drange folgen können, Sie hätten gleich meinen Dank für Ihren lieben Brief gehabt, der mir frohe Tage bereitet hat. Denken konnte ich wohl Ihrer, und that’s getreulich, schreiben aber nicht. – Jetzt naht sich mein Aufenthalt seinem Ende, mit meinen Concerten, (Sechse sind es geworden, außerdem spielte ich noch in drey anderen Concerten) bin ich gerade bis zum 30ten März fertig geworden. Was wäre das eine Wonne gewesen, hätte ich Sie dabei haben können! Aber angegriffen war ich so, daß ich mit größter Anstrengung <d> noch das letzte Concert gab. Es war ein zweyter Cyclus – ich nannte das dritte das Letzte, und dabei bleibe ich, obgleich Alles glaubt, ich gebe noch ein Abschiedsconcert. Ich kann solche Operationen aber nicht ausstehen, habe ich einmal Letztes gesagt, so bleibt’s dabei. Am 9ten spiele ich noch einmal bei Eckert im philh. Concert im Kärnthner Thor, dann gehe ich ab, und zwar fürerst nach Dresden. Dort will der Vater, ich soll ein Concert geben, mir scheint freilich die Jahreszeit schon gar zu sehr vorgerückt! Wären Sie doch dabei! da machte es mir wohl Freude. Mit England bin ich noch immer nicht entschieden, stehe in Correspondenz mit Chappell, der mich für einige Popular-Concerte engagieren wollte, jedoch will ich keinenfalls ohne so viel feste Engagements hin, das [sic] ich meine Kosten gedeckt sehe, und auch dann nur auf 6 Wochen. Daß Sie nicht hingehen freut mich mehr, als Sie es glauben mögen um Ihretwillen, Sie wissen auch warum. Das wird nicht nur für Sie, auch für uns ein fruchtreicher Sommer werden. Ich könnte es mir so gar schön denken, wenn Sie im Sommer nicht gar so weit von mir wären, und man sich in der Zeit, wo Sie Sich erholen wollen doch immer sehen, und Parthien zusammen machen könnte! Doch, das ist nur so eine schöne Idee, ich weiß wohl, daß ich die Freude nicht mehr haben werde. Wohin ich gehe, weiß ich nicht – wäre doch der Sommer erst wieder vorüber! der Letzte war oft so gar trostlos einsam, so ohne jede musikal oder sonst geistige Anregung. Von Joh. erhielt ich so eben Brief – er schreibt entzückt von Ihrem Concerte, wie sich das so schön geklärt. Könnte ich es hören! wäre dazu keine Aussicht, wenn ich Ende April durch Hannover käme? Sie haben ja sehr vergnügte Tage in Hamburg verlebt – ach, warum kann ich doch nie dabei sein! Johannes schreibt mir, daß er am 19ten sein Concert spiele, und Einiges noch aufführe, ich möge doch kommen; ich fürchte aber, es wird nichts, denn unglücklicherweise habe ich vor ein paar Tagen dem Vater die feste Zusage zu einem Concerte am 16, 17 oder 18ten gegeben. Trete ich zurück, so wird er bitterböse, weil er dann zum dritten Male vergeblich angekündigt hat. <> Neulich habe ich aber doch die Freude gehabt die Serenade in einer Probe von Eckert zu hören, und ich muß sagen, Vieles darin hat mir große Wonne geschaffen, es sind ganz reizende Instrumental-Effecte darin, und, wie Sie sagen, frisch und warm muthet Einem das Ganze an. <> Nur Eines fiel mir auf; die Menuett, so lieblich <ist> sie an und für sich auch ist, erschien mir zum Ganzen zu unbedeutend. Was meinen Sie? ich glaube in ihrer ursprünglichen Bestimmung (Streichquartett) wäre sie mehr am Platze. Denken Sie, die Serenade war schon für das letzte philh. Concert am Ostermontag festgesetzt, da kommt nun die Charwoche dazwischen, wo sie keine Proben machen können, und da Eckert unter 6–7 Proben kein neues Werk aufführt, so mußte sie bis nächsten Herbst für das 2te Concert verschoben bleiben; er hat mir aber sein Ehrenwort gegeben, daß er sie dann aufführt. <> Bülow gab vor ein paar Tagen sein erstes Concert! es war schauervoll! wenn Der wollte, wie könnte Der bei seiner großen technischen Beherrschung schön spielen. Es ist aber schrecklich anzuhören, wie er z. B. in Beethov. die Tempi’s vergreift, und wie kalt er Den spielt. Nur Liszt bringt Ihn in’s Feuer, dann haut und sticht er aber auch auf’s Clavier! Das gebildete Publikum hier ist entschieden gegen Ihn schon seines arroganten Aeußeren halber; sein erstes Auftreten im Gesellschaftsconcert schreckte schon Viele ab, es lag eine solche Verachtung in seiner Miene und Haltung am Clavier, daß es eigentlich geradezu beleidigend war. Stockhausen kommt am 12ten, ich sehe Ihn also nicht mehr. Er will drei Concerte geben, fürchte aber die Jahreszeit schon zu sehr vorgerückt, und das Publikum zu sehr ermüdet von den vielen Concerten, die es in diesem Winter besonders zahlreich besucht hat. Ihre Verwandten Victor’s habe ich neulich kennen gelernt, fürchte aber, wir passen nicht zusammen. Sie hoffen sehr auf Sie, und preßten mich aus wie eine Citrone mit allerlei Warum’s. Ich wurde immer störriger, recht unliebenswürdig, konnte mir aber nicht helfen. Die so gewisse
Autorität, mit der sie über Sie sprachen, alterirte mich. Nun ich denke, Sie werden schon in gehöriger Weise auftreten, und die Neugier ect. dämpfen. Bitte, lieber Freund, schreiben Sie mir recht bald wieder, ich sehne mich wieder nach Brief von Ihnen, nach Ihnen selbst freilich noch mehr. Bis 11ten bin ich noch hier, dann in Dresden (Adresse durch den Vater) – ich weiß nicht ob ich bei Hübners wohne. Manches möchte ich Ihnen noch erzählen, aber es wird mir so schwer meine Gedanken zu sammeln, ich hab so unendlich viel auf mir lasten. Johannes Brief heute hat mich auch traurig gemacht. Gedenken Sie herzlich Ihrer getreuen
Cl. Sch.

An Spina haben Sie wohl noch nicht geschrieben?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort: Wien
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
505-508
 

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