15.07.2019

Briefe



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ID: 13424 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 22.10.1875
 

Berlin den 22sten Oktober Zelten 11. N. W.

Liebe Emma.

Herzlich erfreut war ich über Deinen Brief u sah daraus Deine liebevolle Nachsicht für mein Nicht beantworten Deines vorigen Briefes. Du weißt aber auch wenn ich, trotz des besten Willens oft lange Zeiten etwas mit mir herumtrage, was ich gern thäte, ohne es ermöglichen zu können, und namentlich muß ich jetzt oft Briefe lange aufschieben, weil ich trotzdem ich wieder spielen kann, doch vor der Anstrengung des Schreibens mich sehr hüten muß. Hab Dank für Deinen lieben letzten Brief und vor Allem, laß Dir gratuliren, daß Dein Gustav eine ihm zusagende Thätigkeit gefunden hat. Ich hoffe Du bist damit neuer großer Sorge ledig geworden. Aber daß Du immer wieder von Krankheiten schreibst, thut mir doch sehr leid! Wie schön wäre es gewesen, wärest Du wohl genug jetzt nach Leipzig zu kommen! Wie gern hätte ich einmal wieder ein ruhiges Plauderstündchen mit Dir! Wie vieles hätte man sich mitzutheilen, was schriftlich doch zu weit führt. Nun, vielleicht ermöglichst Du es doch noch? Ich denke in Leipzig vom 26sten dieses bis 2ten November zu sein, und da würde es doch nicht schwer fallen einige ruhige Stunden zu finden. Von uns kann ich Dir in so fern Gutes sagen, als ich wieder spielen kann und einige engagements angenommen habe! Ich will sehen, ob mein Arm es aushält! Wir haben einen schönen Sommer in der Schweiz verlebt und hoffe ich sehr auf die gute Nachwirkung diesen Winter. Felix war mit uns in Klosters und es ging ihm wohl bedeutend besser, jedoch nicht gut genug, als daß ich es hätte wagen dürfen ihn nach Berlin zu nehmen, was ihm eine große Täuschung war. Denn er hatte so sehr gehofft jetzt fertig zu studiren und sieht sich nun um ein ganzes Jahr wieder hinausgerückt, und ich fürchte bei seiner großen Unvorsichtigkeit, zieht sich’s am Ende noch länger hinaus! doch da ist nichts anzufangen, bei jungen Leuten sind alle Ermahnungen fruchtlos! Marie und Eugenie, die auch herzlich grüßen lassen, sind mit mir; leider aber macht mir Eugenie doch große Sorge, da sie gar nicht wohl ist, trotzdem sie den Sommer nur ihrer Gesundheit gelebt. Der Arzt weiß eigentlich nicht recht was es ist; Bleichsucht mag wohl mit im Spiele sein. Ob ich Dich den Winter in Dresden sehe scheint mir sehr zweifelhaft zu sein; diese öfteren, (wie Du es in deiner Milde nennst) Austausche finde ich so schrecklich, daß ich jede persönliche Berührung zu vermeiden suche, denn gegen Neid und Mißgunst meiner Schwester (unter uns gesagt) ist <durch> Nichts zu machen. Was Güte vermag habe ich, das kannst Du mir glauben, gethan was in meinen Kräften stand u meine Mutter, sonst eine so ehrenwerthe Frau, ist in Allem was Marie thut, wie mit Blindheit geschlagen. Nicht läugnen kann ich, daß meines Bruders Schritte, obwohl er hier im Recht ist, mich empören. Mit ihm ist aber eben so wenig anzufangen als mit Marie. Ich denke diese Zeilen, werden Dich bei dem schrecklichen Wetter wohl wieder in Dresden treffen. Sei uns mit Deiner lieben Luise innigst gegrüßt und sieh, daß Du Leipzig ermöglichst, was von Herzen erfreuen würde
Deine
altgetreue Freundin
Clara Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Preußer, Emma (1204)
  Empfangsort:
  SBE: II.15, S. 303ff.
 

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