19.12.2019

Briefe



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ID: 13516 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 18.11.1836 bis: 22.11.1836
 

Liebe Mutter,
Wir stiegen ein und fuhren in’s Weite hinaus, der Vater lächelte heiter, ich hatte eine Miene à la juste milieu, und Nany trug den Stempel der Glückseeligkeit auf dem Gesicht und glühte. Wir kamen mit dem langsamsten aller Hauderer Abends spät in Oschatz an. Den andern Morgen früh fuhren wir aus, ich mit der Freude auf die Meißner Berge, aber wie fand ich mich getäuscht – die schöne Erinnerung war verlöscht – ich sah hier nichtssagende kahle Hügel, und trockene Felsen. Nun begann eine Unterhaltung zwischen dem Vater und mir. Nannt ich die Berge fantasielos, so dachte er sich da oben den Mai und athmete Mailuft, fand ich sie unausstehlich klein und ohne alle Romantik, so dachte er sich Rosenmädchen mit Guirlanden um eine Birke herum tanzend. Ich aber aus Aerger drückte die Augen zu und ließ die Jenaischen großartigen, phantasiereichen melancholisch schwärmerischen Berge an mir vorüberziehn. Es schien mir ordentlich, als wenn sie über sich selbst trauerten unbeschadet ihrer Erhabenheit, und dieß eben giebt ihnen den reizend schwärmerischen Character. Doch genug hirvon! ich erwachte und sah einen künstlichen Fels – die Porzellanfabrick, an deren Mauer sich am Donnerstag 2 Gefangene an einem Seile (aus wollenen Decken verarbeitet) heruntergelassen haben. Einen hat man wieder. Sie haben in die Mauer ein Loch gemacht und sich daraus hervorgewunden! Du siehst daß wir in Meißen sind wo wir zu einem Bötticher und eine Flasche Wein tranken. Du kannst Dir denken, daß wir alle drei ein wenig benebelt waren. Wundere Dich nicht, wenn ich so lange nach Dresden fahre, aber glaube mir unser Zauderer zauderte 13 Stunden von Oschatz nach Dresden. Das schöne Wetter hielt sich bis zu unserer Ankunft, dann aber machten sich die Schneewolken Luft und heute liegt der Schnee, wenn auch nicht Häuser hoch aber doch Ellen hoch! Ich fühle mich jetzt unglücklich, denn ich habe so viel musikalische Ideen, kann aber zu nichts Bestimmten kommen. Nun vielleicht findet’s sich am Klavier. Ich will zu Kaskels. Nachher mehr.
Abends 9 Uhr.
Ich komme aus dem Theater – die Worte fehlen mir (man gab Romeo) – Schroeder Devrient – und somit weißt Du alles. Zu Hause will ich mein Herz ausschütten. Es wird mir schwer, mich von ihr zu trennen, doch ich thue es! – – –
Ich war bei Sophie Kaskel – ihre erste Frage war ob ich nicht in Henselt verliebt sey, und als ich ihr verneinte, traten ihr die Thränen in die Augen, und schien es mir doch als wenn ihre Freundschaft zu mir auf einige Augenblicke verflogen wäre. Als ich aber anfing die Etüde von Henselt zu spielen rollten Perlen aus ihren Augen und sie bat mich mit erstickender Stimme nicht weiter zu spielen, doch als ich sie erstaunt ansah bat sie mich sie zu spielen. Ich spielte sie – und spielte sie noch einmal. Mündlich mehr. Ich war in der katholischen Kirche mit der Nanny, es wurde eine wunderschöne Messe aufgeführt. Meinem Gefühle nach muß sie von Spohr gewesen sein. Ich möchte noch mehr schreiben, doch die Bellinischen leidenschaftlichen Melodien durchkreuzen meinen Kopf und lassen mich zu keinem bestimmten Gedanken kommen. Der Vater kommt nach Hause. Gute Nacht! –
Montag Morgen.
Euere Briefe haben wir erhalten, doch der Vater will nicht daß ich in Leipzig spiele – wenn ich mich auch hätte bewegen lassen. Wir könnten ja auch nicht wieder in Leipzig sein, denn wenn wir in Leipzig d. 2ten Dec: ankommen kann ich doch nicht d. 3ten spielen, und im letzten Concerte vor Weihnachten spiel ich auf keinen Fall. Meinst Du Neujahr – nun, da haben wir einen guten Vorwand, wir gehen nach Berlin.
Nachmittag.
Heute war ich bei Kaskels zu Tisch, und bin Morgen zu dem langweiligen Tisch von Carus gebeten. Bei der Frau von Lüttichau war ich auch und sie bot mir gleich freies Theater an. Ich werde es benutzen. –
Dienstag Morgen.
Auguste war eben da und holte sich die Sachen. Sie war sehr erfreut. Ich will meinen Marsch aufschreiben darum Addieu! Mariechen schick ich einen Geistesfunken und Cäcilchen einen – Kuß. –
In großer Eile
Deine Tochter
Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Absendeort: Dresden
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
Empfangsort: Leipzig
  SBE: I.2, S. 79ff.
 



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