15.07.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 13679 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 16.06.1888
 

Frankfurt a/m. d. 16 Jun.
Liebster Freund!
Heute komme ich wieder einmal Ihren gütigen Rath in einer sehr unangenehmen Sache zu erbitten. Denken Sie, daß meine Schwester ein Buch veröffentlichen ließ, „Friedrich Wieck u. seine zwei Töchter“ in welchem eine große Anzahl Briefe von mir an meinen Vater aufgenommen sind, ohne daß ich um meine Einwilligung gefragt worden bin; das ist doch eine Unverschämtheit, u. ich habe mich sofort an meinen Advokaten hier gewandt, lege Ihnen dessen eben erhaltenen Brief hier bei, aus welchem Sie ersehen, daß ich in vollem Rechte bin.
Wie stehe ich vor der Welt, daß ich meine Briefe überhaupt veröffentlichen lasse, es muß doch Jeder denken, daß es mit meiner Einwilligung geschehen sei. Ich bitte nun um Ihre Meinung, soll ich gerichtlich vorschreiten, wie der Advokat räth? Wäre es nur nicht indirect gegen die Meinigen! Aber ich kann doch dies nicht so ruhig hinnehmen, dachte auch, eine Bekanntmachung in einigen Hauptblättern (oder soll ich es nur in den musikalischen Zeitungen thun?) zu machen, worin ich sage, daß ich von der Veröffentlichung dieser Briefe nichts gewußt habe, und mich durchaus dagegen verwahren müsse, als ob dies mit meiner Einwilligung geschehen sei. Denken Sie, meine Schwester hat auch Briefe von Ernestine von Fricken (Freundin meines Mannes) an mich, die sie wahrscheinlich unter alten Papieren zu Hause gefunden haben, veröffentlicht, worin mein Mann der Treulosigkeit e. c. t. angeklagt wird. Ist das nicht gemein? Dagegen kann ich nun nichts thun, weil Ernestine schon über 30 Jahre todt ist. Leider kann ich Ihnen das Buch nicht mitschicken, weil wir es dem Advokaten lassen mußten. Sie können es aber gewiß leicht haben. Es ist herausgegeben von Dr. Adolph Kohut, der Verleger ist Pierson. Nun kommt erst, was ich Ihnen Anfangs hätte sagen sollen, wie sehr erfreut ich bin, daß die liebe Stimme wieder da ist – könnte ich sie nur auch hören! Der lieben Lida danke ich für ihren schönen Brief neulich; ich konnte es noch nicht selbst thun, weil ich ganz enorm noch beschäftigt bin vor meiner Abreise, die am 26. d. erfolgen soll.
Sie sind gewiß auch tief betrübt über den Tod des armen Kaisers, und doch ist es ja eine Erlösung! Was hat dieser Mann ausgehalten – es ist ein furchtbar tragisches Geschick!
Nicht wahr, lieber, bester Freund, Sie nehmen sich meiner einmal wieder an, wie Sie es so oft schon gethan. Wie ich es Ihnen danke, wissen Sie.
Von ganzem Herzen Sie u. die liebe Lida grüßend
Ihre
alte getreue
Clara Schumann

Lida lass ich bitten Rosalien die Sache zu erzählen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Bendemann, Eduard (174)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 356ff.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.